
Inhaltsverzeichnis
Wichtigste Erkenntnisse
- Endometriose betrifft schätzungsweise 10 % aller Frauen im gebärfähigen Alter und ist eine der häufigsten Ursachen für chronische Unterleibsschmerzen.
- Das Endocannabinoid-System spielt möglicherweise eine direkte Rolle bei Endometriose, da CB1- und CB2-Rezeptoren im Gebärmuttergewebe nachgewiesen wurden.
- Erste Studien und Umfragedaten zeigen, dass viele Betroffene Cannabis zur Schmerzlinderung einsetzen, jedoch ist die klinische Evidenz noch sehr begrenzt.
- Medizinisches Cannabis ist in Deutschland verschreibungsfähig, auch bei Endometriose – aber nicht automatisch erstattungsfähig.
- Wechselwirkungen mit anderen Endometriose-Medikamenten sind möglich und sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
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Endometriose gehört zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen weltweit und gleichzeitig zu den am meisten unterschätzten. Viele Betroffene warten jahrelang auf eine Diagnose, während sie mit chronischen Schmerzen, eingeschränkter Lebensqualität und oft begrenzten Behandlungsoptionen umgehen müssen. In diesem Zusammenhang wird zunehmend auch die Rolle des Endocannabinoid-Systems (ECS) in der Forschung diskutiert.
Dieser Artikel fasst zusammen, was die Wissenschaft bislang zum Zusammenhang zwischen Cannabis, dem ECS und Endometriose weiß und was noch unklar ist. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und stellt keine Therapieempfehlung dar. Mehr zur Anwendung von Cannabis in der Frauengesundheit findest du in unserem Überblicksartikel.
Was ist Endometriose?
Endometriose ist eine chronische gynäkologische Erkrankung, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Dies geschieht zum Beispiel an den Eierstöcken, dem Darm oder der Blase. Dieses Gewebe reagiert auf den Hormonzyklus ähnlich wie normale Gebärmutterschleimhaut: Es baut sich auf und blutet, ohne Abflussmöglichkeit aus dem Bauchraum nach außen. Dies kann zu Entzündungen, Verwachsungen, Vernarbungen und Schmerzen führen (1).
Weltweit sind schätzungsweise 190 Millionen Frauen betroffen, in Deutschland geht man von rund zwei Millionen Betroffenen aus.
Typische Symptome von Endometriose umfassen:
- Starke Unterleibsschmerzen vor und während der Menstruation
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Stuhlgang oder Wasserlassen
- Chronische Beckenschmerzen
- In manchen Fällen eingeschränkte Fruchtbarkeit
Die Erkrankung ist nicht heilbar. Behandlungsansätze umfassen Hormontherapien, Schmerzmanagement und operative Eingriffe, wobei viele Betroffene berichten, dass keine dieser Optionen vollständig ausreicht.
Warum dauert die Diagnose oft so lange?
Obwohl Endometriose eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen ist, vergehen vom ersten Auftreten der Symptome bis zur endgültigen Diagnosestellung im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre (2). Diese erhebliche Diagnoseverzögerung hat verschiedene Ursachen:
- Zum einen sind die Symptome sehr vielfältig und reichen von starken Menstruationsschmerzen, Unterbauchschmerzen und Erschöpfung bis zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Die Symptome überschneiden sich oft mit denen von mit anderen Erkrankungen, was die klinische Einordnung erschwert (3).
- Zum anderen werden starke Menstruationsbeschwerden gesellschaftlich und teilweise auch medizinisch noch immer häufig als "normal" abgetan, wodurch Betroffene oft spät spezialisierte Hilfe suchen (4).
- Hinzu kommt, dass eine zweifelsfreie und endgültige Diagnose nach dem aktuellen medizinischen Goldstandard meist einen operativen Eingriff (Laparoskopie) erfordert, der nicht leichtfertig durchgeführt wird (5). Auch nach so einem Eingriff kann es sein, dass die Endometriose nicht eindeutig festgestellt werden konnte.
Diese lange Zeit der Ungewissheit stellt für viele Patientinnen eine enorme psychische und physische Belastung dar.
Was zeigt die Forschung zum Thema Cannabis und Endometriose-Schmerzen?
Die bisherige Forschungslage zu Cannabis und Endometriose ist begrenzt und besteht überwiegend aus Befragungsstudien und Beobachtungsstudien. Jedoch fehlen kontrollierte klinische Studien bislang:
- In einer australischen Befragungsstudie mit 484 Frauen mit Endometriose wurde erfasst, welche selbst angewendeten Maßnahmen die Betroffenen als hilfreich wahrnahmen. Cannabis wurde dabei von einem Teil der Befragten genannt (6).
- Eine weitere Studie derselben Forschungsgruppe untersuchte spezifischer, bei welchen Symptomen Cannabis eingesetzt wurde, darunter Dysmenorrhoe, Schlafprobleme und Übelkeit (7).
- Eine aktuelle systematische Review (2024) untersuchte acht Studien zur Anwendung von Cannabis bei Endometriose-Schmerzen. Die Ergebnisse zeigten, dass der Konsum zur Symptomlinderung unter Betroffenen verbreitet ist und einige Patientinnen berichteten, durch Cannabis ihren Bedarf an klassischen Schmerzmitteln (Analgetika) reduzieren zu können (8).
- Ein weiterer umfassender Scoping Review (2025) mit Daten von über 1.700 Teilnehmerinnen bestätigte dieses Bild: Schmerz war der häufigste Grund für die Anwendung (bei 57 % bis 95 % der Befragten), gefolgt von Schlafproblemen und Magen-Darm-Beschwerden. Die meisten Studien in diesem Review berichteten über eine wahrgenommene Verbesserung der Symptome bei zumindest einem Teil der Patientinnen (9).
Wichtig:
Bei diesen Daten handelt es sich um subjektive Wahrnehmungen aus Befragungen, nicht um Belege für eine klinische Wirksamkeit. Kontrollierte Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Cannabis und Symptomlinderung bei Endometriose belegen, liegen bislang nicht vor. Jede therapeutische Entscheidung muss daher individuell und in Absprache mit medizinischem Fachpersonal getroffen werden.

KI-generierte Illustration. Das Bild dient der symbolischen Darstellung der Studienpopulation und zeigt keine realen Personen.
Was sagen Ärztinnen und Ärzte zur Therapie bei Endometriose?
In der medizinischen Praxis wird Cannabis bei Endometriose in Deutschland zunehmend als Option diskutiert, insbesondere wenn konventionelle Schmerztherapien nicht ausreichen. Voraussetzung für eine Verschreibung ist eine ärztliche Diagnose und die Einschätzung, dass Cannabis therapeutisch sinnvoll ist. Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist nicht garantiert und muss im Einzelfall beantragt werden.
Warum könnte das Endocannabinoid-System hier eine Rolle spielen?
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationssystem, das u. a. an der Steuerung von Schmerzwahrnehmung, Entzündungsprozessen und Zellwachstum beteiligt ist und es ist nachweislich im Reproduktionstrakt aktiv. Außerdem ist es auch im Darm aktiv, wo CB1- und CB2-Rezeptoren in besonders hoher Dichte vorkommen (10).
Forschungsarbeiten zeigen, dass bei Frauen mit Endometriose Veränderungen im ECS beobachtet wurden:
- In einer Studie wurden CB1-Rezeptoren in Endometrioseläsionen im Vergleich zu normalem Gebärmuttergewebe als deutlich reduziert beschrieben (10). Außerdem wurden bei Betroffenen veränderte Spiegel von Anandamid, einem körpereigenen Endocannabinoid, festgestellt (11).
- Neuere Forschungen (2023) beleuchten zudem ein mögliches Zusammenspiel zwischen dem ECS und dem Darmmikrobiom bei Endometriose. Das ECS ist im Darm besonders aktiv: CB1-Rezeptoren finden sich im enterischen Nervensystem ("Bauchhirn") und regulieren die Darmmotilität, während CB2-Rezeptoren in den Immunzellen der Darmschleimhaut eine zentrale Rolle bei der Entzündungsregulation spielen.
Es gibt Hinweise darauf, dass ein Ungleichgewicht der Darmflora (Dysbiose) mit Entzündungsmarkern korreliert, die bei Endometriose oft erhöht sind. Das ECS könnte hier möglicherweise eine schützende Rolle zu spielen, indem bestimmte Endocannabinoide Entzündungen im Darm regulieren und die Darmbarriere stärken können. Dies könnte erklären, warum viele Endometriose-Patientinnen gleichzeitig unter Darmbeschwerden leiden (12).
Diese Befunde deuten darauf hin, dass das ECS möglicherweise in die Pathophysiologie der Erkrankung involviert ist. Das ist wissenschaftlich relevant, erlaubt aber keine direkten Rückschlüsse auf eine therapeutische Anwendung von Cannabinoiden (10,11,12).
THC und CBD: Was ist bei Endometriose relevant?

In der Grundlagenforschung wird untersucht, ob und wie Cannabinoide physiologische Prozesse beeinflussen können.
- CBD (Cannabidiol) ist nicht-bewusstseinsverändernd und wird in präklinischen Modellen auf mögliche entzündungsmodulierende und viele andere Eigenschaften untersucht (13).
- THC (Tetrahydrocannabinol) bindet direkt an CB1-Rezeptoren, was in der Forschung im Zusammenhang unter anderem mit der Schmerzwahrnehmung sowie potenziellen psychischen Effekten analysiert wird (13).
- In der ärztlichen Praxis werden bei einer Verschreibung oft Kombinationen beider Cannabinoide eingesetzt, wobei das Verhältnis individuell angepasst wird.
Wichtig: Wenn du schwanger bist oder planst, schwanger zu werden, gelten besondere Vorsichtshinweise. Cannabis ersetzt außerdem keine medizinische Behandlung. In der ärztlichen Praxis wird medizinisches Cannabis teilweise als ergänzende Option in Betracht gezogen, wenn etablierte Therapien nicht den gewünschten Erfolg bringen oder schlecht vertragen werden. Ähnliche Überlegungen gelten auch bei Cannabis bei Menstruationsbeschwerden.
Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sind zu beachten?
Cannabis-basierte Produkte sind nicht frei von Risiken. Besonders THC (Tetrahydrocannabinol) kann unerwünschte Effekte haben, darunter Schwindel, Herzrasen, Stimmungsveränderungen und bei regelmäßigem Konsum ein Abhängigkeitspotenzial. Bei höheren Dosen sind Angstzustände oder Beeinträchtigungen der Kognition möglich. Diese Effekte sind stark dosisabhängig und individuell unterschiedlich (13).
Wechselwirkungen mit gängigen Endometriose-Medikamenten
THC und CBD werden über das Cytochrom-P450-Enzymsystem der Leber abgebaut. Dies ist dasselbe System, über das viele andere Medikamente metabolisiert werden.
Hierbei spielt die Darreichungsform eine entscheidende Rolle: Bei der oralen Einnahme (Öle, Kapseln) durchlaufen die Wirkstoffe den sogenannten First-Pass-Effekt in der Leber, wodurch das Risiko für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten deutlich höher ist. Bei der Inhalation nach Verdampfen mit einem Vaporisator bzw. Verdampfer gelangen die Wirkstoffe direkt über die Lunge in den Blutkreislauf und umgehen die erste Leberpassage weitgehend, was das Interaktionspotenzial verringert (13).
Mögliche Wechselwirkungen bestehen u. a. mit (13):
- Hormonellen Therapien (theoretisch möglich, klinische Daten begrenzt)
- Antidepressiva (serotonerge und sedierende Wechselwirkungen möglich)
- Schmerzmedikamenten (kombinierte Effekte möglich)
Eine eigenverantwortliche Kombination von Cannabis mit anderen Medikamenten wird nicht empfohlen. Die Beurteilung möglicher Wechselwirkungen gehört in die Hände von medizinischem Fachpersonal.
Was bedeutet das für Betroffene?
Endometriose ist eine komplexe Erkrankung, bei der viele Betroffene trotz bestehender Therapieoption weiter unter Symptomen leiden. Das Interesse an ergänzenden Ansätzen ist vor diesem Hintergrund verständlich.
Die Wissenschaft untersucht aktiv, welche Rolle das Endocannabinoid-System bei Endometriose spielt. Belastbare klinische Daten zur therapeutischen Anwendung von Cannabis fehlen jedoch noch.
Fazit
Die Forschung zum Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoid-System und Endometriose ist ein aktives Wissenschaftsfeld. Erste Befragungsdaten zeigen, dass ein Teil der Betroffenen Cannabis im Rahmen der Selbstbehandlung einsetzt. Ob und inwieweit Cannabinoide bei Endometriose therapeutisch relevant sein könnten, lässt sich auf Basis der aktuellen Datenlage nicht abschließend beurteilen. Denn dafür fehlen klinische Studien.
Wer Fragen zu Behandlungsoptionen hat, sollte diese ausschließlich mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen. Dies gilt auch im Hinblick auf die unterschiedliche Wirkung von Cannabis auf Männer und Frauen sowie mögliche Zusammenhänge mit Cannabis in den Wechseljahren bei älteren Betroffenen.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können. Weder werden Heil- oder Wirkversprechen gegeben, noch soll die Nutzung ohne ärztlichen Rat angeregt werden. Nutzer sind verpflichtet, die in ihrer Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und eigenverantwortlich zu handeln.
Quellen
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- De Corte, P. et al. (2025). Time to diagnose endometriosis: current status, challenges and regional characteristics—a systematic literature review. BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology.
- Mechsner, S. (2023). Diagnostik und Schmerztherapie der Endometriose: Ein Stufenschema hilft bei der Planung der multimodalen Langzeittherapie. Schmerzmedizin.
- Karavadra, B. et al. (2025). Exploring delay to diagnosis of endometriosis, a healthcare professional perspective. BMC Health Services Research.
- Burghaus, S. et al. (2021). Diagnosis and Treatment of Endometriosis. Guideline of the DGGG, SGGG and OEGGG. Geburtshilfe und Frauenheilkunde.
- Armour, M., Sinclair, J., Chalmers, K. J., & Smith, C. A. (2019): Self-management strategies amongst Australian women with endometriosis: a national online survey. BMC Complementary and Alternative Medicine, 19(1), 17.
- Sinclair, J., Smith, C. A., Abbott, J., Chalmers, K. J., Pate, D. W., & Armour, M. (2021): Cannabis use, a self-management strategy among Australian women with endometriosis: results from a national online survey. Journal of Gynecology Obstetrics and Human Reproduction, 50(2), 101927.
- Cummings, S. C., Ennis, N., Kloss, K., & Rosasco, R. (2024): Evaluating the Current Evidence for the Efficacy of Cannabis in Symptom Management of Endometriosis-Associated Pain. Integrative Medicine Reports, 3(1), 111–117.
- McLaren, K., Erridge, S., & Sodergren, M. H. (2025): A Scoping Systematic Review of Cannabis Use in Endometriosis. Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology, 66(1), e70081.
- Sanchez, A. M., Vigano, P., Ambrosini, A., Candiani, M., Ricci, E., Panina-Bordignon, P., & Di Blasio, A. M. (2016): The endocannabinoid system as a target in endometriosis. Frontiers in Endocrinology, 7, 90.
- Dmitrieva, N., Nagabukuro, H., Resuehr, D., Zhang, G., McAllister, S. L., McGinty, K. A., & Bhakta, K. (2010): Endocannabinoid involvement in endometriosis. Pain, 151(3), 703–710.
- Farooqi, T., Bhuyan, D. J., Low, M., Sinclair, J., Leonardi, M., & Armour, M. (2023): Cannabis and Endometriosis: The Roles of the Gut Microbiota and the Endocannabinoid System. Journal of Clinical Medicine, 12(22), 7071.
- Mechoulam, R., & Parker, L. A. (2013): The endocannabinoid system and the brain. Annual Review of Psychology, 64, 21–47.










