
Inhaltsverzeichnis
Wichtigste Erkenntnisse
- Es gibt nur wenige kleinere Studien – sie sind kaum vergleichbar und wenig aussagekräftig: Sie unterscheiden sich in Dosis, Konsumform, Teilnehmenden und Tests und messen nur einzelne Denkaufgaben statt wirklicher kreativer Arbeit.
- Das Gefühl täuscht leicht: Neuere Experimente weisen darauf hin, dass Menschen unter Cannabiswirkung ihre eigenen Ideen günstiger bewerten, ohne dass die Ideen messbar besser sind.
- Die Forschung macht konzeptuelle Fehler: Sie sucht eine Pauschalantwort, fasst Kreativität zu eng und macht aus wenigen Testminuten Urteile über „die“ Kreativität – wissenschaftlich ist das nicht haltbar. Ob ein Cannabis High hilft oder stört, hängt u.a. von der Art der Tätigkeit, der Phase, Dosis, Person und Situation ab.
- Ein Potenzial, das Können verlangt: Nutzer berichten seit Generationen von vielfachen kognitiven Veränderungen wie einer lebhafteren Vorstellungskraft und einer veränderten Mustererkennung beim High. Das könnte kreative Prozesse bereichern – nutzbar aber nur mit Wissen und Erfahrung.
- Die Forschung braucht bessere Fragen: Statt pauschal „Macht Cannabis kreativ?“ zu fragen, sollte sie untersuchen, welche kognitiven Veränderungen im High stattfinden und wie diese auf komplexe kreative Prozesse einwirken können – positiv wie negativ.
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Kaum ein Thema rund um Cannabis und Kreativität wird so hartnäckig diskutiert wie die Frage, ob die Pflanze kreative Ideen beflügelt oder lähmt. Laut einer Übersichtsarbeit, auf die sich auch Laborforscher beziehen, berichtet mehr als die Hälfte der Konsumierenden von gesteigerter Kreativität unter Cannabis – ob ihre Kreativität tatsächlich steigt, ist damit allerdings noch nicht gesagt (1). In einem 2025 entwickelten Fragebogen zu Konsummotiven bildet „Kreativität“ sogar einen eigenen, klar abgrenzbaren Faktor – neben Motiven wie Schlaf, Geselligkeit oder Essen (2).
Schlagzeilen über Studien zum Thema klingen oft ernüchternd: „Cannabis macht nicht kreativer“. Und wenn man sich detaillierte Berichte vieler u.a. prominenter Cannabisnutzer ansieht, sind hier die Meinungen geteilt. Während einige Cannabis als sehr hilfreich für kreative Prozesse empfinden, berichten andere davon, dass die Pflanze ihre kreative Arbeit eher negativ beeinflusst hat.
In meinem Buch „Elevated. Cannabis as a Tool for Mind Enhancement“ habe ich diese Frage in einem eigenen Kapitel untersucht – „Cannabis, Creativity, and Cognitive Liberty“ (3). Dieser erste Teil unserer Serie fasst meine Analyse zusammen und ergänzt sie um die Studien, die seit dem Erscheinen des Buchs hinzugekommen sind. Meine These in Bezug auf bisherige wissenschaftliche Untersuchungen zu Cannabis und Kreativität ist, dass sie oft grundlegende konzeptuelle Fehler macht.

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Was die Studien zu Cannabis und Kreativität bisher zeigen
Die experimentelle Forschung zu Cannabis und Kreativität besteht aus wenigen, meist kleinen Studien mit uneinheitlichen Ergebnissen. Fast alle prüfen dieselbe Sache: Wie schneiden Menschen unter akuter Cannabiswirkung in standardisierten Denkaufgaben wie z.B. bei AUT Test („Alternative Uses Test“) ab? Die ältesten Experimente stammen aus den 1970er-Jahren; ihre Befunde reichen von leichten Verbesserungen bis zu Verschlechterungen (1,4,5).
Die meisten Studien arbeiten mit zwei klassischen Tests:
- Divergentes Denken – also das freie, assoziative Erzeugen vieler Lösungen. Gemessen wird es etwa mit dem „Alternative Uses Task“, der Fragen stellt wie: Wie viele ungewöhnliche Verwendungen für einen Ziegelstein, einen Stift oder einen Schuh fallen dir in wenigen Minuten ein?
- Konvergentes Denken – das zielgerichtete Finden der einen richtigen Lösung. Ein typischer Test ist der „Remote Associates Test“: Gesucht ist ein Wort, das drei scheinbar unverbundene Begriffe verknüpft – im englischen Original etwa „time“, „hair“ und „stretch“, Lösung: „long“ (1).
Die folgenden Tabellen fassen die Studien zusammen – zuerst Experimente zur akuten Wirkung, dann Vergleiche nüchterner Konsumierender mit Nicht-Konsumierenden.
Experimente: Wie wirkt Cannabis akut auf Denkaufgaben?
| Studie | Teilnehmende & Design | Getestet | Tendenz | Ergebnis | Wichtigste Grenzen |
| Weckowicz et al. 1975 (1) | Gerauchte Joints mit niedriger (3 mg) oder höherer (6 mg) THC-Gesamtdosis, Vergleich mit Placebo | Divergente und konvergente Denkaufgaben | gemischt | Niedrige Dosis besser in zwei divergenten Aufgaben als höhere Dosis; konvergentes Denken bei hoher Dosis schlechter | Angaben nach Kowal et al.; Originalarbeit nicht geprüft |
| Tinklenberg et al. 1978 (4) | 16 Männer mit Hochschulbildung; THC-Gebäck (0,3 mg pro kg Körpergewicht) gegen Placebo, verblindet | Gegenstände beschreiben: Ideenmenge, Flexibilität, Ausarbeitung, Originalität | kein Effekt | Keine Verbesserung in irgendeinem Maß | Sehr kleine Stichprobe, nur Männer, orale Einnahme |
| Block et al. 1992 (5) | 48 Männer; doppelblind, placebokontrolliert; gerauchtes Cannabis | Testbatterie u. a. zu Lernen, Assoziationen, Abstraktion | gemischt | Die meisten Fähigkeiten beeinträchtigt – aber mehr ungewöhnliche Gedankenverbindungen | Keine Kreativitätsstudie im engeren Sinn; nur Männer |
| Bourassa & Vaugeois 2001 (1) | Erstkonsumierende und regelmäßig Konsumierende; Joint mit 10 mg THC | Torrance-Test (Ideenmenge, Flexibilität, Ausarbeitung) | schlechter | Regelmäßig Konsumierende schlechter, Erstkonsumierende nicht | Angaben nach Kowal et al.; Originalarbeit nicht geprüft |
| Curran et al. 2002 (1,6) | 15 Männer mit seltenem Konsum; doppelblind; orales THC (7,5 oder 15 mg) gegen Placebo | Gedächtnis, Wortflüssigkeit u. a. | gemischt | Wortflüssigkeit dosisabhängig besser (laut Kowal et al.); Erinnern von Erlebtem dosisabhängig schlechter | Reines THC statt Blüte; kleine Stichprobe |
| Schafer et al. 2012 (7) | 160 Konsumierende, einmal nüchtern, einmal nach eigenem Joint in gewohnter Umgebung | Wortflüssigkeit (möglichst viele Wörter mit einem vorgegebenen Anfangsbuchstaben in 60 Sekunden), Remote Associates | gemischt | Wortflüssigkeit stieg nur bei Menschen mit wenigen bisherigen kreativen Leistungen; bei den „Hochkreativen“ Trend zu schlechteren Lösungen | Kein Placebo, keine Verblindung, THC-Menge je Person verschieden |
| Kowal et al. 2015 (1) | Placebokontrolliert, doppelblind; 54 regelmäßig Konsumierende; verdampfte Blüten mit 5,5 oder 22 mg THC | Alternative Uses, Remote Associates | schlechter | Hohe Dosis: weniger, weniger flexible und weniger originelle Ideen. Niedrige Dosis: kein Unterschied zu Placebo | Nur 18 Personen je Gruppe, nur regelmäßig Konsumierende, aufgenommene THC-Menge nicht gemessen; ein Mitautor war beim Hersteller des Studienmaterials tätig (8) |
| Heng et al. 2022 (9) | Zwei randomisierte Experimente mit 191 bzw. 140 Personen, eigenes Cannabis kurz vor dem Test | Ideen für einen Ziegelstein bzw. für eine berufliche Aufgabe | kein Effekt | Keine besseren Ideen, aber bessere Stimmung und günstigere Bewertung der eigenen Ideen | Dosis und THC-Gehalt unbekannt, Konsum nur teilweise überprüft, nicht vorregistriert |
Vergleiche: Unterscheiden sich nüchterne Konsumierende von Nicht-Konsumierenden?
| Studie | Teilnehmende & Design | Getestet | Tendenz | Ergebnis | Wichtigste Grenzen |
| Bliem et al. 2013 (10) | 13 Cannabiskonsumierende im Vergleich mit Patienten in Substitution oder Reha und mit Gesunden (Graz) | Sprachliche und bildliche Kreativität | gemischt | Teils höhere sprachliche Kreativität als Reha-Patienten; bei bildlicher Kreativität keine Unterschiede | Sehr kleine Gruppen; Querschnitt |
| LaFrance & Cuttler 2017 (11) | Vergleich 412 nüchterne Konsumierende mit 309 Nicht-Konsumierenden | Selbsteinschätzung, Kreativitätstests | gemischt | Konsumierende hielten sich für kreativer und lösten konvergente Aufgaben besser – aber nur, weil sie offener für neue Erfahrungen waren | Querschnitt, keine akute Wirkung untersucht |
Zwei weitere kleine Studien passen ins Bild: In einer gaben 15 nüchterne Konsumierende mehr ungewöhnliche Antworten als Kontrollpersonen (12); in der anderen sagte nicht der Konsum, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal das divergente Denken voraus (13).
Zwischenfazit: Die Daten sprechen gegen eine einfache Formel „Cannabis = mehr Kreativität“. Sie sprechen aber ebenso wenig für die Umkehrung. Was sie tatsächlich zeigen, hängt stark davon ab, wie gefragt und gemessen wurde.
Im Folgenden will ich erklären, warum der ganze konzeptuelle Ansatz dieser Studien problematisch ist – und warum wir keine voreiligen Schlüsse aus deren Ergebnissen ziehen sollten.
Problem 1: Die Frage unterstellt ein Entweder-oder
Die Frage „Macht Cannabis kreativ?“ legt nahe, es gebe eine allgemeine Antwort – für alle Menschen, jede Dosis und jede Situation. Schon die wenigen Studien zeigen aber, wie stark das Ergebnis von den Umständen abhängt.
Bei Kowal und Kollegen machte allein die Dosis den Unterschied zwischen „kein Effekt“ und „schlechtere Leistung“. Die Teilnehmenden der hohen Dosis berichteten zudem deutlich mehr unangenehme Wirkungen; eine Person brach wegen Angst, Müdigkeit und Übelkeit ab (1). Bei Schafer und Kollegen hing der Effekt davon ab, wer getestet wurde: Nur Menschen mit wenigen bisherigen kreativen Leistungen legten zu (7). In einer älteren Studie schnitten regelmäßig Konsumierende unter Cannabis schlechter ab, Erstkonsumierende dagegen nicht (1).
Dazu kommen die wichtigen Faktoren „set und setting“ die kaum eine Studie systematisch erfasst: Das Konzept geht vor allem auf Timothy Leary und den Psychiater Norman Zinberg zurück. Beide fassen die Begriffe deutlich weiter als nur Stimmung und Ort:
- Set meint die gesamte innere Verfassung der Person: Persönlichkeit, aktuelle Stimmung und psychische Verfassung, Erwartungen und Absichten, aber auch Vorerfahrungen, Wissen über die Substanz und Einstellungen dazu.
- Setting meint das äußere Umfeld: den physischen Ort, aber ebenso die soziale Situation, also wer dabei ist und wie vertraut man diesen Menschen ist. Zinberg zählt außerdem den kulturellen Rahmen dazu, etwa ob der Konsum als normal oder verboten gilt.
Die sinnvollere Frage für Kreativitätsforscher wäre deshalb: „Kann Cannabis Kreativität bereichern – und unter welchen Bedingungen?“
Problem 2: Kurzzeitwirkung und Langzeitkonsum werden vermischt
In öffentlichen Debatten verschwimmen zwei verschiedene Fragen: Kann ein High für einige Stunden kreative Prozesse verändern? Und wie wirkt sich regelmäßiger Gebrauch über Jahre auf ein kreatives Leben aus?
Es ist aber natürlich denkbar, dass ein High einer Autorin hilft, Szenen für einen Roman lebendiger vorzustellen – und dass täglicher, hoch dosierter Konsum ihrer Arbeit auf Dauer trotzdem schadet, weil sie z.B. langfristig weniger schreibt, da sie beim Konsum gewisser Cannabissorten oft müde wird. Die Experimente untersuchen fast nur die erste Frage, nämlich die kurzfristige Wirkung von Cannabis. Wir sollten also nochmals die Frage präzisieren:
„Kann ein Cannabis-High vorübergehend die Kreativität bereichern – und unter welchen Bedingungen?“
Natürlich ist es auch eine interessante Frage, wie sich langfristiger Cannabiskonsum auf die Kreativität eines Menschen auswirkt, aber ich mich auch im Folgenden hier nur auf den kurzfristigen Einfluss beschränken.
Problem 3: Kreativität ist kein einzelner „Muskel“
Die meisten Studien behandeln Kreativität als einzelne, mit einem Test messbare Fähigkeit. Die Kreativitätsforschung selbst sieht das kritischer. Kreativität wird heute von Forschern minimal so bestimmt: Etwas ist kreativ, wenn es etwas neues und nützliches bzw. wertvolles hervorbringt. So wurden etwa auch die Ideen in den Experimenten von Heng und Kollegen nach Neuheit und Nützlichkeit bewertet (9).
Diese Minimaldefinition sagt aber nichts darüber, welche geistigen Fähigkeiten für eine bestimmte kreative Aufgabe nötig sind. Und die unterscheiden sich enorm. In „Elevated“ veranschauliche ich das an Beispielen wie dem vom Basketballspieler (3). Im Beispiel spielt dieser gegen eine Gegner, von dem er weiß, dass er ihn sehr gut kennt. Er muss also in den letzten Sekunden eines Spiels einen neuen Täuschungstrick erfinden, um einen erfolgreichen Wurf zu machen. Er braucht dafür unter anderem Erinnerung an frühere Täuschungen, Vorstellungskraft, ein empathisches Gespür für den Gegner, perfekte Körperkontrolle und ein genaues Zeitgefühl – alles gleichzeitig.
Mein zweites Beispiel ist eine Dichterin, die Gedicht über eine abendliche Straßenszene in Rom schreibt. Sie hat Stunden oder Tage Zeit. Sie braucht unter anderem eine sehr nuancierte Wahrnehmung von Farben, Gerüchen, Stimmungen, dann Sprachgefühl, Erinnerung an andere, vergleichbare Situationen, und die Fähigkeit, metaphorisch zu denken. Körperkontrolle und Zeitgefühl spielen während des kreativen Prozesses kaum eine Rolle.
Wenn man sich diese beiden kreativen Tätigkeiten ansieht, ist klar, dass ein Cannabis High mit seinen unterschiedlichen Auswirkungen auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit und andere mentale Prozesse ganz unterschiedlich wirken könnte. Der Psychologe Robert Sternberg kritisiert genau diesen Punkt an der Kreativitätsmessung: Es gebe keine Rechtfertigung dafür, verschiedene Arten von Kreativität auf einer einzigen Skala als bloße Mengenunterschiede abzubilden. Die Tests seien damit nicht wertlos – aber man müsse sehr vorsichtig sein mit dem, was man aus ihnen folgert (14).
Dazu passt ein nüchterner Befund: Ergebnisse in Tests für divergentes Denken hängen mit realen kreativen Leistungen nur schwach zusammen. Die Korrelation liegt in Metaanalysen bei etwa 0,2 – das erklärt weniger als fünf Prozent der Unterschiede in tatsächlichen kreativen Erfolgen (15).
Auch die Grundlagenforschung sieht Kreativität inzwischen als Zusammenspiel verschiedener Denkprozesse. Nach dem Metakontroll-Modell des Kognitionspsychologen Bernhard Hommel und seiner Kollegen profitieren manche kreative Aufgaben von geistiger Flexibilität, andere von Beharrlichkeit und Fokus; kreative Leistung entsteht aus der Balance beider Modi (16). Wer nur divergentes Denken misst – und das tun die meisten Studien in Bezug auf Cannabis und Kreativität – misst also nur eine Seite dieser Balance.
Problem 4: Auslöschungseffekte: Wenn ein Effekt den anderen aufhebt
Wenn diese Balance wichtig ist, dann müssen wir berücksichtigen, was ich in meinem Buch „Auslöschungseffekte“ nenne. Unter der Wirkung von Cannabis verändern sich viele geistige Funktionen gleichzeitig. Dadurch kann ein förderlicher Effekt durch einen anderen aufgehoben werden (3).
Sehen wir uns dafür nochmals das Beispiel des Basketballers an.
- Nehmen wir an, dass ein Cannabis-High tatsächlich seine Fähigkeit verbessert, eine neue Idee zu generieren, seinen Gegner erfolgreich zu täuschen: er streckt beide Arm aus, als wolle er passen, aber wirft den Ball dabei nicht – der Gegner sieht für eine Sekunde in die Richtung, in die der Ball fliegen würde und ist kurz abgelenkt.
- Nehmen wir zusätzlich an, dass Cannabis gleichzeitig aber auch die Zeitwahrnehmung des angreifenden Basketballspielers beeinflusst. Er täuscht seinen Gegner zwar erfolgreich, hatte aber in den letzten Sekunden keinen Überblick mehr über die ablaufende Uhr – sein erfolgreicher Wurf kommt zwei Sekunden zu spät, das Spiel ist zu Ende, das Team verliert.
- Seine Idee war neu, aber nicht nützlich bzw. wertvoll. Nach der minimalen Definition von Kreativität würden wir (und das Publikum) also dem Basketballer eher Versagen als einen gelungenen kreativen Prozess zusprechen.
So könnte also der Effekt von Cannabis auf die Zeitwahrnehmung den hier angenommenen positiven Effekt seiner Fähigkeit, eine neue Täuschung zu kreieren, „auslöschen“.
Ähnliches könnte einem Jazzmusiker passieren: er hat auf der Bühne womöglich ungewöhnliche Einfälle, verliert aber das Timing mit der Band, der resultierende Song klingt live furchtbar. In einem anderen Setting könnte allerdings der Auslöschungseffekt vermieden werden: Der Musiker hat Ideen während eines Highs, probiert diese, bevor er auf die Bühne geht, und spielt diese dann nüchtern.
Auch Schafer und Kollegen weisen darauf hin, dass Cannabis das Gedächtnis beeinträchtigen kann und Menschen sich deshalb womöglich nicht an Ideen erinnern, die sie unter Wirkung hatten (7). Ob erfahrene Menschen solche Effekte verringern können, etwa indem sie Ideensuche und nüchterne Ausarbeitung zeitlich trennen, ist nicht untersucht. Ein Laborexperiment, das 35 bis 60 Minuten nach dem Konsum einen Test ausfüllen lässt, kann solche Strategien jedenfalls nicht erfassen (1).

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Problem 5: Kreativität hat Phasen – der Test misst nur einen Moment
Kreative Prozesse wie die oben beschriebenen sind nicht nur sehr unterschiedlich je nach Aktivität; sie verlaufen auch in Phasen, und ein Test unter akuter Wirkung erfasst davon nur einen kleinen Ausschnitt. Schon vor rund hundert Jahren unterschied der Sozialpsychologe Graham Wallas vier Phasen: Vorbereitung, Inkubation (das unbewusste „Brüten“), Erleuchtung (der Aha-Moment) und Überprüfung. Wallas selbst betonte, dass sich diese Phasen im Alltag ständig überlagern (3).
Eine Malerin braucht in einer Phase vielleicht vor allem Vorstellungskraft für ein ungewöhnliches Farbkonzept, in einer anderen eine ruhige Hand und Blick für Details und in einer Phase der Überprüfung eher einen kritischen Blick auf Strichführung, Farbwahl und andere Aspekte.
Die sinnvollere Frage für Forscher lautet daher: „Kann ein Cannabis-High unter bestimmten Bedingungen vorübergehend eine bestimmte kreative Tätigkeit in einer bestimmten Phase bereichern?“
Problem 6: Das Gefühl, kreativ zu sein, kann täuschen
Kritik an schwachen Studien darf nicht in die umgekehrte Richtung blind machen: Auch Selbstberichte sind keine verlässlichen Belege für mehr Kreativität.
Heng, Barnes und Yam ließen 2022 in zwei Experimenten Menschen entweder kurz vor dem Test ihr eigenes Cannabis konsumieren oder mindestens zwölf Stunden verzichten. Die Cannabis-Gruppe war besser gelaunt – die Forscher sprechen von „Joviality“, also heiterer, beschwingter Stimmung. Diese Stimmung führte dazu, dass die Teilnehmenden ihre eigenen Ideen, und in der zweiten Studie auch die Ideen anderer, kreativer einschätzten. Die Ideen selbst waren nach dem Urteil unabhängiger Bewerter aber nicht kreativer (9). Schon Kowal und Kollegen hatten gefolgert, dass das häufig berichtete Gefühl gesteigerter Kreativität eine Illusion sein könnte (1).
Das erste Urteil über die eigenen Einfälle im High ist also unzuverlässig. Zugleich gelten für diese Studien dieselben Grenzen wie für die übrigen: Dosis und THC-Gehalt blieben unbekannt, der Konsum ließ sich per Speicheltest nur teilweise bestätigen, und die Hypothesen waren nicht vorab registriert (9).
Kurz:
Dass Cannabis die Selbsteinschätzung verzerren kann, ist gut belegt. Dass es kreative Arbeit grundsätzlich nicht bereichern kann, zeigen diese Studien nicht.
Problem 7: Aus Testminuten werden Pauschalurteile
Der folgenreichste Fehler liegt nicht in den Daten, sondern in den Schlüssen viele Forscher bzw. von Journalisten, die über die Forschung berichten. Studien, die wenige Minuten einer einzelnen Denkaufgabe messen, ziehen Folgerungen, die weit darüber hinausgehen. Heng und Kollegen betitelten ihre Arbeit mit „Cannabis use does not increase actual creativity“ – gemessen hatten sie Ideen für einen Ziegelstein und für ein Bandprojekt, gesammelt in vier bzw. fünf Minuten (9). Kowal und Kollegen folgerten aus einem Test für divergentes Denken, ein Joint sei womöglich nicht das beste Mittel gegen eine Schreibblockade (1) – obwohl in der Studie niemand geschrieben hat.
Medien und Kommentatoren verkürzen solche Befunde dann zu „Cannabis macht nicht kreativ“ (3). Wissenschaftlich gedeckt ist das bei weitem nicht: Aus einem Teilaspekt einer Phase einer Tätigkeit lässt sich keine Aussage über Kreativität insgesamt ableiten (14). Umgekehrt gilt dasselbe für jede Schlagzeile, die Cannabis zum Kreativitätsbooster erklärt.

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Bessere Fragen für die Forschung
Die Wissenschaft braucht keine weiteren Studien, die nur fragen, „ob Cannabis kreativ macht“. Sie braucht Fragen, die der Vielfalt kreativer Tätigkeiten und der Vielschichtigkeit des Highs gerecht werden. Für die Forschung folgt daraus: Sie sollte das ganze Spektrum der kognitiven Veränderungen im High erfassen, die Nutzer immer wieder beschreiben – von intensiverer Wahrnehmung über lebhaftere Erinnerungen bis zu veränderter Aufmerksamkeit –, deren Zusammenwirken untersuchen und kreative Prozesse an echten Werken über längere Zeit beobachten statt nur einzelne Testminuten. Ob sich die berichteten Veränderungen dabei bestätigen lassen, ist offen – genau das wäre zu klären.
Ausblick: ein Potenzial, das Wissen und Können verlangt
Schon im 19. Jahrhundert schrieben Autoren wie Charles Baudelaire über ihr Erleben mit Haschisch (3). Die Philosophen Walter Benjamin und Ernst Bloch nutzten Haschisch-Erfahrungen auch zur Ideenfindung – damit habe ich mich in einem eigenen Essayband beschäftigt (3,17). Bis heute beschreiben Nutzer immer wieder ähnliche Veränderungen im High: darunter ein stärkerer Aufmerksamkeitsfokus, eine lebhaftere Vorstellungskraft, eine veränderte Mustererkennung, detailreiche Erinnerungen an erlebte Situationen, intensivere Sinneseindrücke oder ein vertieftes Einfühlen in andere Menschen (3). Solche Berichte sind keine wissenschaftlichen Belege, wie die Studie von Heng und Kollegen zeigt. Sie sind aber so beständig, dass sie ernsthafte Forschung verdienen und die Konzeption zukünftiger Studien beeinflussen sollten.
Unter geeigneten Umständen könnten gerade diese Veränderungen kreative Prozesse bereichern. Erschließen lässt sich dieses Potenzial aber voraussichtlich dann besser mit Wissen und Können – so wie ein Surfbrett erst in geübten Händen zum Werkzeug wird und trotzdem keinen Erfolg garantiert (3). Was das genau bedeutet, ist Thema des zweiten Teils; ausführlich habe ich den bewussten Umgang mit dem High in „Die Kunst des Highs“ beschrieben (18).

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Fazit: Falsche Fragen, zu weite Schlüsse
Die bisherigen Studien zu Cannabis und Kreativität liefern einige interessante Hinweise: Hohe Dosen können möglicherweise stärker kreative Prozesse stören, und die gute Stimmung im High kann dazu verleiten, die eigenen Ideen zu überschätzen. Eine allgemeine Antwort auf die Frage „Macht Cannabis kreativ?“ geben sie aber nicht – weil es sie nicht geben kann. Wer aus ihnen Pauschalurteile ableitet, überdehnt sie. Kreativität lässt sich nicht mit einem einzelnen Test erfassen: Sie beruht auf einer gelungenen Balancierung und Konzertierung mehrerer kognitiver Fähigkeiten, die je nach Tätigkeit und Phase verschieden sind. Ob der akute Einfluss von Cannabis darin eher bereichert oder stört, hängt von der genauen Art der Tätigkeit, der Phase, der Dosis, der Person und der Situation ab. Die seit Generationen wiederkehrenden Berichte über eine lebhaftere Vorstellungskraft, genauere Erinnerungen, schnelles assoziatives Denken und viele andere Effekte deuten auf ein kreatives Potenzial hin, das sich aber voraussichtlich eher mit Wissen und Können erschließen lässt.
Wer Cannabis nutzt, sollte deshalb weder den Schlagzeilen noch dem eigenen Hochgefühl blind vertrauen. Ideen, die im High entstehen, verdienen eine zweite, nüchterne Prüfung.
Im zweiten Teil dieser Serie stelle ich den Gegenentwurf vor: das High als vielschichtiges Bündel von Veränderungen – und Cannabis als Werkzeug, das Übung verlangt.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine Rechtsberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Konsum von Cannabis dar. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte wird keine Gewähr übernommen.












