
Wichtigste Erkenntnisse
- Das Cannabisgesetz wird von mehreren Unionspolitikern sowie von der Frauenunion CDU hinsichtlich des Kinder- und Jugendschutzes nach wie vor kritisiert.
- Die steigende Importmenge und der angebliche missbräuchliche Nutzen der Telemedizin werden als Indiz gegen das Gesetz angeführt.
- Der EKOCAN-Zwischenbericht allerdings sieht nach der Einführung des Gesetzes keinen deutlichen Anstieg des Cannabiskonsums unter Jugendlichen.
- Internationale Erfahrungen zeigen, dass in Ländern, in denen bereits legalisiert bzw. reguliert wurde, der Jugendschutz gestärkt ist, durch gezielte Aufklärung, Prävention und Alterskontrollen.
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Ein Kommentar von Mila Grün
Die Frauen Union der CDU macht Druck: Auf dem Bundesparteitag im Februar 2026 forderte sie unter Vorsitzender Nina Warken die vollständige Rücknahme der Cannabis-Legalisierung – Cannabisbesitz für Volljährige soll wieder unter Strafe stehen, der Vertrieb über CSCs beendet werden. Die Annahme des Antrags wurde empfohlen, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion soll ihn weiterverfolgen (1).
Doch während die Union mit Jugendschutz und steigender Kriminalität argumentiert, zeichnen EKOCAN-Bericht und internationale Tendenzen ein deutlich differenzierteres Bild und zeigen, wo Deutschlands Drogenpolitik wirklich nachsteuern muss.
Cannabisgesetz in der Kritik: Was Studien über Jugendschutz und Prävention wirklich zeigen
Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes am 1. April 2024 ist die politische Debatte neu entflammt. Die Kritik der CDU und CSU richtet sich vor allem gegen drei Punkte: den angeblich gefährdeten Jugendschutz, steigende Importe von Medizinalcannabis und Fehlentwicklungen bei der Telemedizin.
Was dabei oft fehlt: der Blick auf die tatsächlichen Auswirkungen des Gesetzes und auf die Herausforderungen, die längst vor der Teillegalisierung bestanden.
Die konkreten Kritikpunkte der Union sind:
- steigende Importe von Medizinalcannabis
- mögliche Fehlentwicklungen im Bereich Telemedizin
- Defizite bei Präventionsangeboten
- sinkende Teilnahmezahlen an Frühinterventionsprogrammen
- Fragen zum Schutz junger Menschen
Viele dieser Punkte lassen sich recht schnell entschärfen. Vor allem, weil viele dieser Probleme nicht durch die Teillegalisierung entstanden sind, sondern schon vorher existierten und mit einer vollständigen Legalisierung gelöst werden könnten.
Steigende Cannabisimporte: Was sagen die Zahlen tatsächlich aus?
Häufig wird die stark gestiegene Importmenge von Medizinalcannabis als Argument gegen die bisherige Teil-Legalisierung genannt. Kritiker sehen darin Hinweise auf den Missbrauch des medizinischen Systems, vor allem auch durch die Telemedizin.
Doch die Entwicklung ist natürlich nicht unbegründet und nicht nur der Telemedizin zuzuordnen. Der Zugang zu medizinischem Cannabis wurde durch die Entnahme aus dem Betäubungsmittelgesetz stark vereinfacht. Zusätzlich machen es Telemedizinplattformen jetzt vielen Patienten leichter möglich, Ärzte zu finden, die eine Expertise in cannabinoider Medizin haben und diese auch bei Bedarf verschreiben. Medizinalcannabis ist daher schneller und auch einfacher verfügbar. Doch die gestiegene Importmenge ist kein Argument für das Scheitern der Legalisierung, sondern ein Argument dafür, dass die Menschen diesen einfachen Zugang nutzen und wohl auch willkommen heißen.

Natürlich sollte die Telemedizin reguliert werden durch Maßnahmen wie:
- Lizenzvergaben an Plattformen
- Lizenzvergaben an Ärzte
- regelmäßiger Online-Arzt-Kontakt
- Ausweiskontrollen
- Kontrollen der Werbemaßnahmen
Darüber hinaus muss der Medizinmarkt dringend vom Freizeitmarkt getrennt werden, wenn man belastbare Zahlen und Daten haben möchte. Aktuell verfügt Deutschland nicht über einen regulierten Freizeitmarkt mit lizenzierten Fachgeschäften, was ein Problem darstellt. Die entstandenen Graubereiche für das medizinische Angebot werden somit teilweise auch von Freizeitkonsumenten genutzt: für viele sind Anbauvereinigungen noch nicht in der Nähe verfügbar, ein zugelassener Home Grow von Cannabispflanzen ist zu teuer oder aus räumlichen oder finanziellen Gründen nicht machbar.
Daher ist nicht die Teillegalisierung das Problem, sondern die unvollständige Umsetzung der ursprünglich geplanten Regulierung des gesamten Systems.
Dies hat zur Folge, dass viele nicht-medizinische Nutzer von Cannabis sich gezwungen sehen, entweder potentiell verunreinigtes und oft minderwertiges Schwarzmarkt-Cannabis zu kaufen oder eben eine Krankheit vorzutäuschen, um möglicherweise beim Arzt ein Rezept zu bekommen.
Kinder- und Jugendschutz: Welche Daten liegen bisher vor?
Das Haupt-Argument der CDU betrifft vor allem den angeblich fehlenden Kinder- und Jugendschutz. Familienministerin Karin Prien kritisierte im Zuge der Veröffentlichung des zweiten EKOCAN-Berichts (1. April 2026): Polizei und Staatsanwaltschaften hätten weniger Handhabe, Jugendliche zur Teilnahme an Frühinterventionsprogrammen zu verpflichten und die freiwillige Teilnahme funktioniere nicht. Gesundheitsministerin Nina Warken, Vorsitzende der Frauen Union, bezeichnete die Teillegalisierung als „Fehler" und sieht dringenden Handlungsbedarf (2).
Rücknahme der Cannabis-Legalisierung: Was die Politik fordert
Natürlich müssen Kinder und Jugendliche in diesem Land geschützt und vor einem zu frühen und intensiven Cannabiskonsum aufgeklärt werden. Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Teillegalisierung, sondern ihre unvollständige Umsetzung, wie weiter oben bereits erwähnt.
Was die Evaluierung aber tatsächlich zeigt, widerspricht der politischen Rhetorik deutlich. Der EKOCAN-Zwischenbericht, erarbeitet von Forschern der Universitäten Hamburg/UKE, Düsseldorf und Tübingen, stellt klar, dass ein Anstieg des Cannabiskonsums unter Jugendlichen seit Einführung des Cannabisgesetzes nicht erkennbar ist (3). Bei 15- bis 17-Jährigen zeigen die Auswertungen sogar einen leichten Rückgang. Dies ist ein Trend, der bereits vor der Teillegalisierung rückläufig war und sich durch das Gesetz nicht verändert hat.
Internationale Erfahrungen: Cannabis Legalisierung schützt Jugendliche besser als Verbote
Auch international kann man beobachten, dass eine vollständige Legalisierung, bzw. Regulierung nicht automatisch zu einem Anstieg des Konsums bei Jugendlichen führt (4). Kinder und Jugendliche werden geschützt, wenn:
- Alterskontrollen konsequent umgesetzt werden,
- Präventionsangebote ausreichend finanziert und umgesetzt werden,
- Schulen und Eltern besser informiert sind,
- und problematischer Konsum früh erkannt wird.
Die sinkende Teilnehmerzahl an den Frühinterventionsprogrammen kann durch andere Maßnahmen angetrieben werden, die nicht in Verbindung mit der Polizei und der Justiz stehen. Daher die Frage….
Wie erreicht man Jugendliche besser?

Die Forschung und auch die Erfahrung in Bezug auf Prohibition zeigen, dass Verbote nur eine begrenzte Wirkung haben.
- Der Nutzen und Erfolg auferlegter Präventionsangebote hängt entscheidend von der Qualität dieser Programme ab.
- Kinder und Jugendliche müssen ernst genommen und die Risiken einer Substanz müssen verständlich erklärt werden.
- Hinzu kommt, dass die Anzahl der psychischen Erkrankungen der Jugendlichen, durch erhöhten Leistungsdruck, Druck in der Schule, Medienkonsum usw. in diesem Land stetig steigt. Deutschland verfügt insgesamt schon über zu wenige Therapie- und Präventionsangebote für Jugendliche mit Suchterkrankungen. Und trotzdem lässt die Regierung die Schließung der größten deutschen Suchtklinik für Kinder und Jugendliche zu (5).
Das zeigt, dass der Jugendschutz zwar intensiv als Argument genutzt, aber auf der anderen Seite nicht ausreichend finanziert und ausgebaut wird.
Prävention funktioniert nicht durch Verbote
Die Diskussion zeigt letztlich ein grundsätzliches Problem der heutigen Drogenpolitik. Verbote verhindern Konsum genauso wenig wie eine schlecht ausgeführte und nicht vollständig durchdachte Legalisierung, die sowohl die medizinische als auch die nicht-medizinische Nutzung von Cannabis betrifft.
Entscheidend ist ein reguliertes, verständliches und faires System, das niemanden kriminalisiert und Schutz und Sicherheit liefert, wo diese notwendig sind.
Fazit
Die Debatte um das aktuelle Cannabisgesetz wird häufig von Emotionen angeheizt. Die Argumente der CDU sind nicht auf die bisherige Teil-Legalisierung an sich, sondern auf die fehlenden Regulierungen innerhalb dieser zurückzuführen. Daher wäre es in erster Linie wichtig, den Medizin- und Freizeitmarkt zu trennen und diese sinnvoller und intelligenter zu regulieren. Außerdem müssen in jedem Fall qualitativ hochwertige Frühinterventionsprogramme etabliert werden, die Sinn machen und Jugendliche auch erreichen.
Denn die Teil-Legalisierung an sich hat weder für einen gestiegenen Konsum unter Jugendlichen, noch für weitere Probleme gesorgt. Es gäbe sehr viel mehr zu klärende und regulierende Punkte, die für einen erhöhten Jugendschutz sorgen und gleichzeitig
- Risiken ernst nehmen
- die Prävention stärken
- den Schwarzmarkt zurückdrängen
- und gleichzeitig wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen.
Deutschland könnte mit einer gut regulierten und wissenschaftlich begleiteten Cannabislegalisierung sogar zu einem Vorreiter für modernen Jugend- und Verbraucherschutz werden.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können.
Quellen
- t-online Stuttgart. (2026, 21. Februar). CDU fordert Rücknahme der Cannabis-Legalisierung. https://stuttgart.t-online.de/region/stuttgart/id_101138992/cdu-fordert-ruecknahme-der-cannabis-legalisierung.html
- Bundesministerium für Gesundheit / Bundesdrogenbeauftragter. (2026, 1. April). Zweite Evaluation zur Cannabis-Teillegalisierung – Gemeinsame Pressemitteilung. https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/presse/detail/zweite-evaluation-zur-cannabis-teillegalisierung/
- Manthey, J. et al. (2026, 1. April). Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht. Universität Hamburg/UKE. https://www.sciencemediacenter.de/angebote/ekocan-zweiter-zwischenbericht-zur-cannabis-teillegalisierung-26072
- Leatherdale, S. T., Battista, K., Patte, K. A., MacKillop, J., & Bélanger, R. (2025). Using decision trees to examine risk profiles for cannabis use among large samples of underage youth before and after cannabis legalization in Canada. Addictive Behaviors Reports, 22. https://doi.org/10.1016/j.abrep.2025.100501
- ZDF heute. (2026, Mai). Deutschlands größte Jugend-Suchtklinik schließt. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/suchtklinik-jugendliche-schliessung-100.html











