
Inhaltsverzeichnis
Wichtigste Erkenntnisse
- Senioren zählen zu den Patientengruppen, die am häufigsten unter chronischen Erkrankungen leiden – nutzen medizinisches Cannabis aber am seltensten.
- Tiefverwurzelte Vorurteile aus der Prohibitionsära und lückenhafte Aufklärung auf Patienten- wie auf Ärzteseite sind die Hauptbarrieren.
- Das Endocannabinoid-System nimmt möglicherweise im Alter an Aktivität ab – was Medizinalcannabis für diese Altersgruppe besonders interessant machen könnte
- Nicht-inhalative Darreichungsformen wie Tropfen oder Kapseln könnten für ältere Patienten besonders geeignet sein.
- Alterspezifische Daten und klinische Studien fehlen – ohne sie bleibt eine zielgruppengerechte Versorgung schwierig.
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Ein Kommentar von Mila Grün
Fast jede zweite Person in Deutschland ist über 50 Jahre alt, doch in den Verschreibungsstatistiken für medizinisches Cannabis ist diese Gruppe kaum vertreten. Dabei steigt die Zahl der Cannabispatienten insgesamt stetig. Gerade jene, die zunehmend auf medizinische Versorgung angewiesen sind, profitieren am wenigsten davon: Seniorinnen und Senioren. Dieses Ungleichgewicht könnte sich verändern, wenn bestehende Ängste und Wissensmängel durch faktenbasierte, altersgerechte Aufklärung adressiert werden.
Die Generation Angst?
Viele Menschen über 55 sind mit der Botschaft aufgewachsen, Cannabis sei extrem gefährlich, mache sehr süchtig und der Konsum führe zu härteren Drogen. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Prohibition, gezielter Fehlinformation und bis heute kursierender Mythen und Halbwahrheiten. Wer in den 1970er- oder 1980er-Jahren aufwuchs, hörte überwiegend Warnungen über das „Teufelskraut“; wissenschaftlich fundierte Informationen über Wirkstoffe, Dosierungen oder medizinische Einsatzmöglichkeiten gab es kaum.
Diese Generation verbindet Cannabis bis heute häufig mit Kontrollverlust oder Abhängigkeit, nicht mit einer medizinischen Therapie oder Lebensqualität. Das Ergebnis ist eine tief verankerte Skepsis, die sich nur schwer auflösen lässt und die einer möglichen medizinischen Nutzung im Weg steht.
Fehlende Aufklärung als strukturelles Problem
Nicht nur Betroffene, auch Ärztinnen und Ärzte sind häufig unzureichend informiert. Das Thema Medizinalcannabis spielt im Medizinstudium bislang eine marginale Rolle. Selbst aufgeschlossenen Ärztinnen und Ärzten fehlt oft die klinische Erfahrung, um cannabisbasierte Präparate sicher zu verschreiben. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) berichtet, dass nur ein Teil ihrer Mitglieder regelmäßig Cannabinoide verordnet, meist aufgrund von Unsicherheit bei Wirksamkeit, Dosierung und Wechselwirkungen (1).
Obwohl medizinisches Cannabis seit 2017 als Therapieoption zur Verfügung steht, ist die Informationslage lückenhaft. Die Folge: Patientinnen und Patienten erfahren selten von dieser Möglichkeit und noch seltener von den Studien, die einen möglichen therapeutischen Nutzen untersuchen.
Warum Medizinalcannabis im Alter medizinisch besonders relevant sein könnte

Das körpereigene Endocannabinoid-System (ECS) reguliert im Menschen zentrale Prozesse wie Schmerzempfinden, Appetit, Schlaf und Entzündungsreaktionen. Forschungsdaten deuten darauf hin, dass die Aktivität dieses Systems im Laufe des Lebens abnimmt, was dazu beitragen könnte, dass chronische Beschwerden im Alter zunehmen (2).
Aus diesem Zusammenhang heraus untersucht die Forschung, ob und inwieweit pflanzliche Cannabinoide, wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), das ECS modulieren und so zur Linderung altersbedingter Beschwerden beitragen könnten. Die Evidenzlage variiert je nach Anwendungsgebiet; erste Studien zeigen aber ein Potenzial, das weitere Untersuchung rechtfertigt.
Eine Beobachtungsstudie des PraxisRegisters Schmerz (DGS) zeigte außerdem, dass ältere Schmerzpatienten unter medizinischer Cannabisbegleitung ihren Opioidverbrauch im Beobachtungszeitraum deutlich reduzieren konnten (1). Die Ergebnisse sind vielversprechend, gleichwohl sind größere, randomisierte Studien für belastbare Schlussfolgerungen erforderlich.
Darreichungsformen: Was für ältere Patienten geeignet sein könnte

Gerade im höheren Alter spielt die Darreichungsform eine entscheidende Rolle. Viele ältere Patientinnen und Patienten verbinden das Inhalieren von Cannabis mit dem Rauchen und lehnen es deshalb zunächst ab. Dabei lohnt sich eine differenzierte Betrachtung:
- Das Verbrennen von Pflanzenmaterial in einem Joint oder einer Bong ist für ältere Patienten klar ungeeignet und sollte ausgeschlossen werden.
- Anders verhält es sich beim medizinischen Vaporisator, der Cannabis auf Temperaturen unterhalb der Verbrennungsschwelle erhitzt und damit keine Verbrennungsprodukte erzeugt. Ein klinisch relevanter Vorteil der Inhalation über den Vaporisator ist die Möglichkeit zur Selbsttitration: Da die Wirkung innerhalb weniger Minuten einsetzen kann, haben Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, die Dosis schrittweise an ihre aktuelle Situation anzupassen. Zudem umgeht die Inhalation den hepatischen First-Pass-Effekt, was die Aufnahme unabhängiger von Mageninhalt und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten macht als bei oralen Extrakten.
- Orale Extrakte hingegen bieten eine länger anhaltende und gleichmäßigere Wirkung, warum sie besonders für Beschwerden geeignet sein könnten, die eine kontinuierliche Versorgung erfordern, etwa chronische Schmerzen oder Schlafprobleme. Dies sind beides Indikationen, die in der CARE-Studie bei älteren Patienten im Vordergrund standen (3).
- Für Patientinnen und Patienten, die sowohl Inhalation als auch orale Einnahme ablehnen, könnten topische Anwendungen wie Cremes eine niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeit darstellen: Sie sind weniger mit Stigma behaftet, lassen sich diskret anwenden und kommen ohne systemische Aufnahme aus.
- Lediglich bei schweren Lungenerkrankungen, bei denen auch Dampf kontraindiziert ist, sollte die inhalative Form gemieden werden.
Die Entscheidung über die geeignete Darreichungsform sollte immer individuell und in ärztlicher Begleitung getroffen werden.
Ein Blick über die Grenzen
Internationale Entwicklungen zeigen, dass ältere Generationen durchaus bereit sind, Cannabis medizinisch zu nutzen – wenn gesellschaftliche Akzeptanz, Aufklärung und ärztliche Begleitung stimmen.
Eine Studie der NYU School of Global Public Health, veröffentlicht in JAMA Internal Medicine, verzeichnete in den USA einen deutlichen Anstieg des Cannabiskonsums bei Menschen über 65: von 4,8 Prozent im Jahr 2021 auf 7 Prozent im Jahr 2023 – ein Zuwachs von rund 46 Prozent (4). In Deutschland liegt der Anteil älterer Cannabisnutzerinnen und -nutzer weiterhin deutlich darunter.
Die Situation in Deutschland: Wachstum ohne Datenbasis
Im Jahr 2024 verzeichnete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Importrekord von über 72 Tonnen medizinischem Cannabis – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr (5). Der BfArM-Abschlussbericht zur Begleiterhebung (2017–2022) zeigt: Das Durchschnittsalter der erfassten Patientinnen und Patienten lag bei 57 Jahren, mehr als 76 Prozent wurden wegen chronischer Schmerzen behandelt (6). Die Erhebung ist in ihrer Aussagekraft begrenzt. Sie erfasst ausschließlich Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen und beruht auf freiwilliger Ärztemeldung, lässt aber vermuten, dass ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen bereits heute vermutlich einen bedeutenden Teil der Cannabispatienten ausmachen. Eine differenziertere Altersauswertung existiert bislang nicht (6).
Was sich ändern müsste

Damit medizinisches Cannabis sein therapeutisches Potenzial auch bei Senioren entfalten kann, braucht es strukturelle Anpassungen:
- Altersgerechte Aufklärungskampagnen, die faktenbasiert über Wirkstoffe, Darreichungsformen, Dosierung und Risiken informieren
- Verpflichtende Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte, um Verschreibungsunsicherheit abzubauen
- Klare klinische Leitlinien, die die besonderen Bedürfnisse älterer Patientinnen und Patienten berücksichtigen
- Einheitliche Kostenregelungen, damit der Zugang nicht vom Wohnort oder der Rentenhöhe abhängt
- Mehr Forschung, insbesondere zu sicheren Darreichungsformen und altersgerechten Dosierungsstrategien
Fazit
Die gesellschaftliche und medizinische Diskussion sowie Aufmerksamkeit über Cannabis im Alter ist längst überfällig. Ältere Menschen sind die Patientengruppe, die potentiell aufgrund altersbedingter Erkrankungen vom Einsatz von Medizinalcannabis auf besondere Art profitieren könnten – und zugleich jene, die am seltensten Zugang dazu finden.
Fehlende Aufklärung und Wissensmängel auf ärztlicher Seite verhindern, dass diese Therapieoption überhaupt in Betracht gezogen wird oder Verwendung finden kann.
Was es braucht, ist weniger Stigmatisierung, mehr Bildung und nachvollziehbare Leitlinien – für Betroffene und für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können. Weder werden Heil- oder Wirkversprechen gegeben, noch soll die Nutzung ohne ärztlichen Rat angeregt werden. Nutzer sind verpflichtet, die in ihrer Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und eigenverantwortlich zu handeln.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS): Pressemitteilung zur Schmerzinitiative. https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/archiv/detail/news/dgs-schmerzinitiative-fuer-eine-bessere-versorgung-mit-medizinischen-cannabinoiden-1/
- Russo, E. B. (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered. Cannabis and Cannabinoid Research, 1(1), 154–165. DOI: 10.1089/can.2016.0009 — sowie: Bundesärztekammer/ÄZQ, Deutsches Ärzteblatt 122 (23): https://api.aerzteblatt.de/pdf/122/23/m632.pdf
- Häuser, W. et al. (2025): CARE-Studie. Der Schmerz. DOI: https://doi.org/10.1007/s00940-025-4984-8
- NYU School of Global Public Health (2025): Cannabis Use Among Older Adults. JAMA Internal Medicine. https://www.nyu.edu/about/news-publications/news/2025/june/cannabis-use-older-adults.html
- Bundesärztekammer (2025): Massiver Anstieg beim Import von medizinischem Cannabis. Deutsches Ärzteblatt. https://www.aerzteblatt.de/news/massiver-anstieg-bei-import-von-medizinischem-cannabis-61db79f5-3ae6-4d15-b21d-9f56c893222c
- Tagesschau (2024): Cannabis bei Senioren beliebt. https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/cannabis-bei-senioren-beliebt-100.html — Grundlage: BfArM-Begleiterhebung














