
Inhaltsverzeichnis
Wichtigste Erkenntnisse
- Citronellol ist ein kleines, blumig-rosig riechendes Terpen, das in Cannabis nur eine Nebenrolle spielt; die dominanten Terpene sind Myrcen, Pinen, Limonen, Terpinolen, Caryophyllen und Humulen.
- Chemisch ist Citronellol eng mit Geraniol verwandt: Es ist im Grunde eine Geraniol-Version mit einer Doppelbindung weniger, was den Geruch weicher und schwerer macht.
- Für eine eigenständige beruhigende Wirkung von Citronellol speziell im Cannabis-Kontext gibt es derzeit keine überzeugenden Daten am Menschen.
- Eine Laborstudie zeigt, dass Citronellol das Wachstum des Hefepilzes Candida albicans in der Zellkultur hemmen kann, ein interessanter, aber rein präklinischer Befund ohne unmittelbare medizinische Aussagekraft.
- Citronellol gehört seit über 20 Jahren zu den EU-weit deklarationspflichtigen Duftstoffallergenen, relevant vor allem für konzentrierte Kosmetik und Reinigungsmittel, nicht automatisch für Spurenmengen in Cannabisblüten.
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Citronellol ist eines der unauffälligeren Terpene in Cannabis, aber ihm wird online oft mehr Wirkung zugeschrieben, als die Forschung bisher stützt. Bevor Du einer bestimmten Sorte wegen ihres angeblichen Citronellol-Gehalts eine Wirkung zuschreibst, lohnt sich ein Blick auf die Grundlagen des Endocannabinoid-Systems: Wirkungen von Cannabis entstehen fast nie durch eine einzelne Substanz, sondern durch das Zusammenspiel vieler Verbindungen.
Was ist Citronellol überhaupt?
Citronellol ist ein kleines, blumig-rosig riechendes Molekül aus der Gruppe der Monoterpenoid-Alkohole mit der Summenformel C₁₀H₂₀O (1). „Monoterpenoid" bedeutet, dass das Molekül aus zwei Grundbausteinen des Terpen-Baukastens besteht; „Alkohol" heißt hier, dass es eine bestimmte Sauerstoff-Wasserstoff-Gruppe trägt, die für Geruch, Aroma, Löslichkeit und chemische Reaktionsfreudigkeit mitverantwortlich ist.
Seinen Namen verdankt Citronellol dem Zitronengras (Cymbopogon-Arten), aus dessen ätherischem Öl es erstmals isoliert wurde. Heute weiß man, dass es in Spurenmengen in mehr als 70 verschiedenen Pflanzenölen vorkommt, von Rosenöl und Geranienöl bis zu manchen Eukalyptus- und Ingwersorten (1). Besonders deutlich zeigt sich das bei zwei Beispielen: Bei der Lippenrose Eucalyptus citriodora macht Citronellol laborchemisch rund 10 Prozent des ätherischen Öls aus (2), und auch bei der sogenannten Zitronen-Katzenminze, einer aromatischen Varietät von Nepeta cataria, wurde ein nennenswerter Citronellol-Anteil nachgewiesen (3). In der klassischen Cannabis-Pflanze ist Citronellol dagegen nicht primär beheimatet.

Genau das übersehen viele Sorten-Ratgeber im Netz. In der breiten Cannabis-Terpenforschung zählen Myrcen, Pinen, Limonen, Terpinolen, Caryophyllen und Humulen zu den dominanten Verbindungen, die den Großteil vieler Blüten- und Extraktprofile ausmachen (4). Citronellol taucht in diesen breiten Übersichten nicht als Hauptkomponente auf. Das schließt sortenspezifisch etwas höhere Werte nicht aus, bedeutet aber: Ohne aktuelle Laboranalyse solltest Du Listen von „Citronellol-Sorten" mit Vorsicht lesen, denn Analysen an kommerziellem Cannabis zeigen, dass Sortennamen chemisch oft nicht das halten, was sie versprechen (5).
Welche chemischen Eigenschaften hat Citronellol?
Citronellol ist bei Raumtemperatur eine farblose bis leicht gelbliche Flüssigkeit mit einer Dichte von rund 0,85 Gramm pro Milliliter (1). Es siedet im Vakuum (die Verdampfung in einem Vaporisator ist etwas anderes) bei etwa 224 °C und ist, wie die meisten Terpene, nur schlecht wasserlöslich, dafür gut löslich in Alkohol und Ölen. Das ist einer der Gründe, warum Terpene in Cannabisextrakten eher öl- oder alkoholbasiert konzentriert werden als in wässrigen Zubereitungen.
Kommerziell verwendetes Citronellol stammt heute zu einem großen Teil nicht aus Rosen- oder Geranienöl, sondern aus industrieller Herstellung: es wird halbsynthetisch durch die Hydrierung von Geraniol oder Nerol hergestellt, zwei chemisch nahen Verwandten. Die Substanz gilt als sogenannter Flavoring Agent und ist in vielen Ländern als Lebensmittelzusatzstoff für Aromen zugelassen (1). Ihre Hauptverwendung findet Citronellol jedoch als Duftstoff, in Parfums, Duftwässern, Aftershaves, Seifen, Shampoos, Waschmitteln und anderen Reinigungsmitteln, wo es blumig-frische Noten liefert.
Citronellol ist chemisch gut charakterisiert und ein wirtschaftlich bedeutender Duftstoff. Für die Cannabis-Wirkung ist diese breite kommerzielle Verwendung aber kein Beleg; sie zeigt nur, wie verbreitet die Substanz in Alltagsprodukten ist, nicht, was sie in der Cannabisblüte bewirkt.
Wie riecht und schmeckt Citronellol?

Citronellol riecht weich und rosig-blumig mit einer leicht grünen, zitrusartigen Facette, ein Geruchsbild, das in der Parfümerie oft als „Rose ohne Schärfe" beschrieben wird. Geschmacklich trägt es blumige, süße und leicht fruchtig-zitrische Nuancen bei, weshalb es auch in Aromen für Getränke und Süßwaren eingesetzt wird. In Cannabisblüten trägt Citronellol, wenn überhaupt vorhanden, eher zu einer feinen blumigen Unternote bei, als den Gesamtgeruch zu dominieren.
Citronellol im Vergleich: Geraniol und Limonen
Citronellol lässt sich am besten im Vergleich zu zwei chemisch verwandten Aromastoffen einordnen.
- Geraniol gehört zur selben Familie blumiger Monoterpenoid-Alkohole, hat aber eine Doppelbindung mehr; Citronellol ist chemisch praktisch ein „hydriertes" Geraniol, dem eine dieser Doppelbindungen fehlt. Das macht den Geruch von Citronellol weicher und schwerer, während Geraniol schärfer und klassischer nach Rose-Zitrus riecht. Auch die Siedepunkte im Vakuum liegen nah beieinander: rund 224 °C bei Citronellol, rund 229–230 °C bei Geraniol (1).
- Limonen, das Terpen, welches stark das Aroma von Zitronen prägt, gehört dagegen einer völlig anderen chemischen Klasse an: einem zyklischen Monoterpen-Kohlenwasserstoff ohne Alkoholgruppe, mit deutlich hellerer Zitrusnote und einem viel niedrigeren Siedepunkt von etwa 176 °C. Limonen verflüchtigt sich schneller und wird oft als „helle" Kopfnote wahrgenommen, während Citronellol eher zur schweren, basisnahen Duftschicht zählt. Limonen ist außerdem eines der in kommerziellem Cannabis am häufigsten gemessenen Terpene überhaupt, anders als Citronellol (5).
| Terpen | Chemischer Typ | Geruch | Siedepunkt | Rolle in Cannabis |
| Citronellol | Azyklischer Monoterpenoid-Alkohol | Blumig, rosig, weich, wächsig | ca. 224 °C | Nebenterpen, selten dominant |
| Geraniol | Azyklischer Monoterpenoid-Alkohol (eine Doppelbindung mehr) | Blumig, schärfer, rose-zitrusartig | ca. 229–230 °C | Nebenterpen, gelegentlich mit Citronellol vergesellschaftet |
| Limonen | Zyklischer Monoterpen-Kohlenwasserstoff | Hell, zitrusartig | ca. 176 °C | Häufig eines der dominanten Terpene |
Wichtig für das Gesamtbild: Das Aroma einer Cannabissorte entsteht nie durch eine einzelne Substanz. Wenn eine Cannabisblüte blumig riecht, ist Citronellol vielleicht ein Baustein davon, aber selten der einzige: Geraniol, Linalool und zahlreiche Nicht-Terpen-Duftinhaltsstoffe tragen ebenfalls dazu bei (4).

Gibt es Cannabis-Sorten mit besonders viel Citronellol?
Das lässt sich ohne aktuelle Laboranalyse kaum seriös beantworten. Online kursieren zwar Listen mit angeblichen „Citronellol-Sorten", doch eine großangelegte Analyse von Zehntausenden kommerziellen Cannabisproben in den USA zeigt, dass die auf Etiketten angegebenen Sortennamen chemisch oft nicht zuverlässig mit dem tatsächlich gemessenen Terpenprofil übereinstimmen (5). Anders formuliert: Zwei Blüten mit demselben Sortennamen können ein völlig unterschiedliches Terpenprofil haben, je nach Anbau, Erntezeitpunkt und genetischer Linie.
Wer sich für das eigene Terpenprofil interessiert, findet verlässlichere Anhaltspunkte im Analysezertifikat (COA) eines Produkts als in Sortennamen allein.
Wirkt Citronellol im Cannabis beruhigend? Was die Evidenz zeigt
Für eine eigenständige beruhigende oder stimmungsregulierende Wirkung von Citronellol speziell im Cannabis-Kontext gibt es aktuell keine überzeugenden Daten am Menschen. Die sogenannte Entourage-Effekt, die Annahme, dass Terpene und Cannabinoide gemeinsam eine Wirkung entfalten, die über die Summe ihrer Einzelteile hinausgeht, ist eine plausible Hypothese, doch Übersichtsarbeiten betonen durchgängig, dass die Belege dafür gemischt und größtenteils präklinisch sind, also bislang vor allem aus Labor- oder Tierversuchen stammen (4).
Ein oft zitiertes Beispiel zeigt gut, wie leicht hier Verwechslungen entstehen. Eine kleine Pilotstudie an fünf gesunden Personen fand nach dem Einatmen eines cannabinoidfreien Hanf-ätherischen Öls Hinweise auf entspannungsbezogene Veränderungen in Hirnwellenaktivität und Stimmung (6). Das wird in der Cannabis-Community gelegentlich als Beleg für „beruhigende Terpene" angeführt, nur bestanden die Hauptbestandteile des verwendeten Öls aus Myrcen und β-Caryophyllen, nicht aus Citronellol. Bei nur fünf Teilnehmenden lässt sich daraus ohnehin keine verlässliche, verbindungsspezifische Aussage ableiten (6).
Citronellol gegen Pilzinfektionen? Was die Sharma-Studie wirklich zeigt
Eine Laborstudie zeigt, dass Citronellol das Wachstum des Hefepilzes Candida albicans in der Zellkultur hemmen kann, das ist aber etwas anderes als ein Nachweis gegen Pilzinfektionen beim Menschen. In der Studie hemmte Citronellol den Übergang der Pilzzellen von der Hefe- in die fadenförmige Wachstumsform, verringerte die Bildung eines schützenden Zellverbunds (Biofilm) und beeinflusste Gene, die mit der äußeren Zellhülle des Pilzes zusammenhängen (7).
Wichtig ist die Einordnung: Das ist präklinische Forschung, durchgeführt an isolierten Pilzzellen in der Petrischale (in vitro), nicht an Menschen oder auch nur an Tieren. Präklinische Befunde können auf einen möglichen Wirkmechanismus hindeuten, sagen aber nichts über Dosierung, Sicherheit oder Wirksamkeit bei einer tatsächlichen Pilzinfektion aus. Aus dieser Studie lässt sich keine Empfehlung ableiten, citronellolhaltiges Cannabis gegen Pilzinfektionen einzusetzen.

Ist Citronellol in Cannabis ein Allergierisiko?
Citronellol zählt seit über 20 Jahren zu den EU-weit deklarationspflichtigen Duftstoffallergenen in Kosmetika, und die Liste wurde 2023 noch einmal deutlich erweitert.
- Citronellol gehörte bereits zu den ursprünglichen 26 Duftstoffen, die seit 2003 in Kosmetikprodukten ab bestimmten Konzentrationen einzeln auf dem Etikett stehen müssen; 2023 kamen per EU-Verordnung 56 weitere Duftstoffallergene hinzu, sodass heute insgesamt mehr als 80 Substanzen deklarationspflichtig sind (8).
- Betroffen sind nicht nur Parfums, sondern auch Seifen, Shampoos, Waschmittel, Reinigungsmittel und andere Produkte mit Duftstoffen.
- Kontaktallergien gegen solche Duftinhaltsstoffe entwickeln sich meist über wiederholten Hautkontakt: Das Immunsystem reagiert zunehmend empfindlicher, bis schon geringe Mengen ein allergisches Kontaktekzem auslösen können.
- Das sogenannte Sensibilisierungspotenzial von Citronellol wird zusätzlich dadurch erhöht, dass die Substanz an Luft und Licht langsam oxidieren kann, die dabei entstehenden Abbauprodukte gelten teils als noch reaktionsfreudigere Kontaktallergene als die Ausgangssubstanz selbst.
Für Cannabis bedeutet das: Das Allergierisiko ist am besten belegt für konzentrierte dermale Anwendungen, also Parfums, Kosmetik oder stark konzentrierte ätherische Öle, etwa in CBD-Hautpflegeprodukten.
Für das Einatmen der vermutlich sehr geringen Citronellol-Spurenmengen in normaler Cannabisblüte gibt es keine spezifischen Studien, die entweder ein relevantes Risiko oder eine sichere Unbedenklichkeit belegen.
Die ehrliche Einordnung lautet deshalb:
Wer eine bekannte Duftstoffallergie hat, sollte bei stark konzentrierten ätherischen Ölen oder Extrakten vorsichtig sein, ein Grund zur Sorge bei gewöhnlicher Blüte lässt sich aus den vorliegenden Daten jedoch nicht ableiten.
| Thema | Aktueller Kurzbefund | Evidenzniveau |
| Aroma und Chemie | Gut charakterisiert: blumig-rosiges Monoterpenoid, verwandt mit Geraniol | Hoch (Grundlagenchemie) (1) |
| Vorkommen im Cannabis-Aroma | Plausibel als Nebenkomponente, aber nicht als dominantes Terpen belegt | Niedrig bis moderat (4,5) |
| Antimykotische Wirkung | Wachstumshemmung bei Candida albicans in der Zellkultur gezeigt | Präklinisch (in vitro) (7) |
| Entspannungswirkung im Cannabis-Kontext | Keine citronellolspezifischen Humandaten; verwandte Studie betraf andere Terpene | Nicht belegt (6) |
| Allergierisiko | Anerkannter Duftstoffallergen in konzentrierter kosmetischer Anwendung | Belegt für Kosmetik, unklar für Cannabisblüte (8) |
Fazit
Citronellol ist wahrscheinlich kein Terpen, das die Wirkung von Cannabis maßgeblich bestimmt. In Cannabis kommt es nach aktuellem Forschungsstand meist nur in geringen Mengen vor und trägt eher als feine blumig-rosige Nuance zum Aroma bei. Für das typische Terpenprofil einer Blüte sind Verbindungen wie Myrcen, Limonen, Pinen, Terpinolen oder β-Caryophyllen in der Regel deutlich relevanter.
Auch mögliche gesundheitliche Wirkungen sollten auf Basis bisheriger vorläufiger Studien nicht überinterpretiert werden. Es gibt derzeit keine überzeugenden Humanstudien, die Citronellol im Cannabis-Kontext eine eigenständige beruhigende, angstlösende oder stimmungsaufhellende Wirkung zuschreiben. Die häufig genannten antimykotischen Eigenschaften beruhen bislang auf Laborversuchen mit isolierten Pilzzellen und lassen sich nicht auf die Behandlung von Infektionen beim Menschen übertragen.
Am besten lässt sich Citronellol deshalb als aromatischer Nebenbestandteil einordnen: chemisch gut erforscht, für Parfümerie und Kosmetik bedeutsam, in Cannabis jedoch nur von begrenzter praktischer Relevanz. Bei gewöhnlichen Spurenmengen in Cannabis gibt es keinen konkreten Hinweis auf ein besonderes Gesundheitsrisiko. Vorsicht ist vor allem bei hochkonzentrierten ätherischen Ölen, Duftstoffen oder topischen Produkten geboten, da Citronellol als Kontaktallergen bekannt ist. Für die Bewertung von Cannabis gilt daher: interessant für das Aroma, wissenschaftlich spannend – aber kein Wirkstoff, dem derzeit eine zentrale medizinische oder psychoaktive Bedeutung zugeschrieben werden kann.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können. Weder werden Heil- oder Wirkversprechen gegeben, noch soll die Nutzung ohne ärztlichen Rat angeregt werden. Nutzer sind verpflichtet, die in ihrer Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und eigenverantwortlich zu handeln.












