
Wichtigste Erkenntnisse
- Cannabinoide sind zentrale Wirkstoffe von Cannabis, die vor allem über das körpereigene Endocannabinoid-System wirken und viele Prozesse im Körper beeinflussen können.
- THC und CBD sind die bekanntesten Cannabinoide, unterscheiden sich aber deutlich in Wirkung, Bindung an Rezeptoren und psychoaktiven Effekten.
- Neben diesen Hauptwirkstoffen existieren zahlreiche sogenannte Minor-Cannabinoide, deren Effekte wissenschaftlich noch nicht vollständig verstanden sind.
- Die Wirkung von Cannabis als Pflanze entsteht nicht allein durch ein einzelnes Cannabinoid, sondern durch das Zusammenspiel mit anderen Stoffen wie Terpenen und Flavonoiden.
- Medizinische Anwendungen sind möglich, aber begrenzt und stark reguliert, weshalb eine Nutzung immer differenziert und idealerweise ärztlich begleitet erfolgen sollte.
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Cannabinoide sind der Hauptgrund, warum die Pflanze Cannabis pharmakologisch so besonders ist. Sie prägen, zusammen mit Terpenen, Flavonoiden und anderen Cannabis-Inhaltsstoffen, wie stark, wie lang und wie individuell ein Produkt wirkt. Der Überblick hier ordnet das Thema bewusst breit ein: Was Cannabinoide sind, welche Gruppen es gibt, wie sie mit dem Endocannabinoid-System zusammenspielen, wo die medizinische Evidenz tragfähig ist und wo eher Marketing als Wissenschaft über bestimmte Aussagen dominiert (1,2,3).
Was sind Cannabinoide?
Cannabinoide sind bioaktive Moleküle, die entweder vor allem in der Cannabispflanze vorkommen (Phytocannabinoide), im menschlichen Körper selbst gebildet werden (Endocannabinoide) oder im Labor hergestellt werden (synthetische Cannabinoide). Phytocannabinoide galten lange als exklusiv in der Cannabispflanze vorkommend.
Inzwischen sind eng verwandte Cannabinoide aber auch in einigen anderen Pflanzen nachgewiesen, etwa Perrottetinen in Lebermoosen der Gattung Radula. Wichtig ist dabei eine saubere Abgrenzung: In Pilzen wie Trüffeln steckt kein Phytocannabinoid, sondern Anandamid – ein körpereigener Botenstoff-Typ (Endocannabinoid), der dort natürlich vorkommt. Nach aktuellem Forschungsstand sitzen Cannabinoide in Cannabis vor allem in den Harzdrüsen der Blüten, den sogenannten Trichomen, und liegen in der frischen Pflanze überwiegend als Säureformen wie THCA, CBDA oder CBGA vor (1,2).
Für die Pflanze selbst sind Cannabinoide keine „Wirkstoffe für Menschen", sondern sekundäre Pflanzenstoffe und genau genommen bildet Cannabis nicht THC oder CBD, sondern deren Carbonsäuren (THCA, CBDA), die erst beim Erhitzen zu den psychoaktiven Formen decarboxylieren.

Der aktuelle Forschungsstand deutet darauf hin, dass diese Stoffe für die Pflanze nicht eine einzelne, sondern mehrere überlappende Funktionen erfüllen, die meist als Teil eines chemischen Schutzsystems an den Blütenoberflächen zusammengefasst werden, wo sie in den Drüsentrichomen gespeichert werden.
Am besten belegt ist dabei die Fraßabwehr: In Feld- und Laborversuchen nahm der Fraßschaden durch kauende Insekten mit steigender Cannabinoidkonzentration ab, und entsprechend gefütterte Larven wuchsen langsamer und überlebten schlechter. Daneben werden ein UV-Schutz, eine antimikrobielle und antifungale Wirkung sowie eine Rolle in der allgemeinen Stress- und Abwehrsignalgebung diskutiert – diese Hypothesen sind biologisch plausibel, experimentell aber deutlich schwächer abgesichert (2,4).
Wenn im Alltag von Cannabinoiden gesprochen wird, sind meist THC und CBD gemeint. Chemisch und pharmakologisch gehört aber deutlich mehr dazu: Neben den „Major Cannabinoids" gibt es viele kleinere Vertreter wie CBN, CBC, CBDV oder THCV. Neuere Übersichtsarbeiten beschreiben über 140 Phytocannabinoide in Cannabis (1,5).
Welche Cannabinoide gibt es?
Die kurze Antwort: Es gibt nicht „das eine Cannabinoid", sondern ein ganzes Spektrum an Cannabinoiden. Welche Stoffe in der Blüte einer bestimmten Cannabissorte, einem Extrakt oder einem Arzneimittel dominieren, entscheidet mit darüber, welche Wirkungen vermittelt werden (1,3,5).
Die wichtigsten Vertreter im Überblick:
| Cannabinoid | Kurzprofil | Psychoaktiv? | Einordnung |
| Delta-9 THC | Wichtigstes psychoaktives Phytocannabinoid | Ja | Bindet partiell an CB1/CB2 und prägt viele akute Effekte |
| CBD (Cannabidiol) | Zweitwichtigstes Hauptcannabinoid | Nicht psychotrop (bewusstseinsverändernd) | Wirkt nicht wie THC und hat nur geringe direkte Affinität zu CB1/CB2 |
| Cannabigerol (CBG) | Biosynthetisch zentrale Vorstufe | Eher nein | CBGA gilt als „Muttervorstufe" vieler anderer Cannabinoide |
| CBN (Cannabinol) | Entsteht u. a. aus Alterungs- und Abbauprozessen | Eher schwach | wissenschaftlich interessant, klinisch aber noch dünn |
| CBC (Cannabichromen) | Minor-Cannabinoid | Eher nein | pharmakologisch spannend, aber wenig Humandaten |
| THCV | Varin-Cannabinoid | Komplex, dosisabhängig | unterscheidet sich von THC stärker, als Werbetexte oft suggerieren |
| Delta-8-THC | THC-Isomer, natürlicherweise nur in Spuren | Ja | oft aus CBD umgewandelt, Produktqualität variiert stark |
| HHC | meist halbsynthetisch, kommt nur in Spuren natürlich in der Pflanze vor | Ja | kein klassisches Hauptcannabinoid der Pflanze, Datenlage begrenzt |
Die Tabelle fasst den Stand aus aktuellen Reviews und Analysen zusammen. Wichtig dabei: Ein „spannendes" Cannabinoid ist noch nicht automatisch ein gut untersuchtes oder gut vorhersagbares Cannabinoid. Gerade bei Minor-Cannabinoiden und neueren Marktstoffen liegen Mechanismusdaten oft deutlich weiter vorne als belastbare Studien am Menschen (5,6,7).
Praktisch heißt das: Ein hoher Anteil an CBD sagt noch nichts darüber aus, wie ein Produkt insgesamt erlebt wird. Ebenso ist ein Produkt mit moderatem THC-Gehalt nicht automatisch „mild", wenn Begleitstoffe, Dosis, Konsumform und individuelle Empfindlichkeit in eine andere Richtung wirken (1,3).
Wie wirken Cannabinoide auf den Körper?

Cannabinoide wirken vor allem, indem sie Signalwege des Endocannabinoid-Systems mit seinen beeinflussen. Dieses System hilft dabei, viele Prozesse im Gleichgewicht zu halten – unter anderem neuronale Signalübertragung, Schmerzverarbeitung, Appetit, Stressreaktionen und immunologische Abläufe, wie aktuelle Forschungen zur Neurobiologie des Endocannabinoid-Systems belegt (3).
Vereinfacht gesagt, ist das Endocannabinoid-System aus drei Teilen aufgebaut: körpereigenen Botenstoffen wie Anandamid und 2-AG, ihren Rezeptoren und den Enzymen, die diese Botenstoffe auf- und abbauen. Exogene Cannabinoide aus Cannabis docken an dieses System an oder modulieren es indirekt. Genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf die Wirkung auf das Nervensystem, wenn man Cannabis verstehen will (3).
THC ist dabei der bekannteste direkte Akteur: Es wirkt als partieller Agonist an CB1- und CB2-Rezeptoren. CBD funktioniert anders, mit geringer direkter Affinität zu CB1/CB2 und eher modulierten Effekten über mehrere Zielstrukturen und Signalwege. Genau deshalb lassen sich THC und CBD nicht sinnvoll als „gleich, nur mit oder ohne High" beschreiben (3,8).
Der Unterschied zwischen CB1 und CB2 lässt sich so einordnen:
| Rezeptor | Vereinfacht vor allem wo? | Warum wichtig für Cannabinoide? |
| CB1 | Vor allem im zentralen Nervensystem | erklärt viele akute Effekte auf Wahrnehmung, Gedächtnis, Koordination und Stimmung |
| CB2 | Stärker in Immun- und peripheren Geweben, aber nicht nur dort | wichtig für Entzündungs- und Immunprozesse, ohne dass das eine einfache „Körper statt Kopf"-Trennung wäre |
Diese Darstellung der Wirkung von Cannabinoiden ist bewusst vereinfacht. Pharmakologisch gesehen wirken Phytocannabinoide nicht nur über die Rezeptoren des Endocannabinoidsystems, sondern teils über andere Rezeptoren, Ionenkanäle und Enzyme (3,5).
Ein weiterer Punkt wird oft übersehen: Die Cannabispflanze produziert in der lebenden Blüte überwiegend Vorstufen. Erst durch Erhitzen, also etwa beim Verdampfen, Rauchen oder Backen, werden THCA und CBDA verstärkt in THC und CBD überführt. Das ist einer der Gründe, warum rohe Pflanze, Vaporizer und orales Produkt sich nicht einfach eins zu eins vergleichen lassen (1,2).
Wo werden Cannabinoide medizinisch eingesetzt?
Cannabinoide werden inzwischen in vielen Ländern medizinisch genutzt, deren Wirkung ist aber nicht pauschal und nicht für jedes Beschwerdebild gleich gut belegt. Die belastbarste Evidenz gibt es derzeit für einige klar definierte Indikationen, nicht für ein diffuses „Cannabis hilft gegen alles" (9,10,11).
Einordnung nach Evidenzlage:
| Anwendungsbereich | Evidenzlage | Wichtige Einordnung |
| Seltene, schwere Epilepsie-Syndrome | vergleichsweise gute Studienlage für ein gereinigtes, zugelassenes CBD-Arzneimittel | gilt nur für eng definierte, ärztlich diagnostizierte Syndrome – nicht übertragbar auf „CBD allgemein" |
| MS-bedingte Spastik | moderate Evidenz bei ausgewählten Patientengruppen | es gibt ein zugelassenes, ärztlich verordnetes Arzneimittel |
| Chronische Schmerzen | kleine Effekte, moderat gesichert durch Evidenz. Zugleich erhöhtes Risiko für meist nicht-schwere Nebenwirkungen | keine pauschale Lösung, sondern eine ärztliche Einzelfallentscheidung |
Für chronische Schmerzen zeigen große Reviews kleine, teils klinisch eher begrenzte Verbesserungen bei Schmerz und Schlaf, gleichzeitig aber ein erhöhtes Risiko für nicht-schwere Nebenwirkungen. Genau deshalb sollte man aus „es gibt Effekte" nicht automatisch „es ist die beste Wahl" ableiten (9,10). In Deutschland ist die Verwendung von cannabinoiden Produkten vom Gesetz her nicht an eine gewisse Indikation gebunden und wird auch für viele weitere Beschwerden eingesetzt. Die Evidenzlage zu den jeweiligen Bereichen ist dabei teilweise noch stark begrenzt.
Wichtig ist auch die saubere Trennung zwischen standardisierten Arzneimitteln und frei vermarkteten Lifestyle-Produkten. Ein verschriebenes, standardisiertes Präparat ist etwas anderes als ein unklar zusammengesetztes Produkt aus dem Onlinehandel. Das gilt auch dann, wenn auf beiden „Cannabinoide" steht. Denn wie aktuelle Daten zu Wechselwirkungen cannabinoidhaltiger Arzneimittel zeigen, können Zusammensetzung und Qualität erheblich variieren (8,11,12).
Hinweis:
Die medizinische Anwendung von Cannabinoiden erfolgt ausschließlich im Rahmen klar definierter Indikationen und sollte immer ärztlich begleitet werden. Die hier genannten Einsatzgebiete ersetzen keine individuelle medizinische Beratung und stellen keine allgemeine Therapieempfehlung dar. Wirkung und Verträglichkeit können je nach Person unterschiedlich ausfallen, und die Verschreibung sowie Anwendung cannabinoidhaltiger Arzneimittel unterliegen in Deutschland strengen gesetzlichen Regelungen.
Welche Risiken, Unterschiede und Missverständnisse sind wichtig?
Cannabinoide sind nicht automatisch harmlos, nur weil sie aus einer Pflanze stammen oder „natürlich" klingen. Risiken hängen unter anderem von Substanz, Dosis, Alter, Konsumform, Häufigkeit, Begleitmedikation und individueller Anfälligkeit ab, wie aktuelle Untersuchungen zu Arzneimittelwechselwirkungen von Cannabinoiden bestätigen (8,9,10).
Phytocannabinoide, Endocannabinoide und synthetische Cannabinoide
Phytocannabinoide kommen aus der Pflanze, Endocannabinoide bildet dein Körper selbst, und synthetische Cannabinoide entstehen im Labor. Entscheidend ist aber: „synthetisch" beschreibt erst einmal die Herkunft, nicht automatisch das Risiko. Ein standardisierter synthetische Arzneistoff ist etwas anderes als unregulierte synthetische Cannabinoide aus dem Schwarzmarkt; letztere können hochgefährlich sein und extreme Nebenwirkungen und Gefahren mit sich bringen (4,11,13,14).

Typische Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
THC-haltige Produkte können unter anderem akute Nebenwirkungen Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsprobleme, veränderte Wahrnehmung und eingeschränkte Reaktionsfähigkeit auslösen. CBD gilt zwar als nicht bewusstseinsverändern, kann aber ebenfalls Nebenwirkungen und relevante Wechselwirkungen haben, vor allem über Enzymsysteme wie CYP3A4 oder CYP2C19. Bei regelmäßiger THC-Exposition sind zudem laut aktueller EvidenzToleranzentwicklung, problematischer Konsum und Entzugssymptome möglich (8,9,10,15).
Neue Cannabinoide brauchen eine eigene Bewertung
Die in der Pflanze vorkommenden Cannabinoide Delta-8-THC und HHC werden oft so vermarktet, als wären sie einfach „mildere" Varianten klassischer Cannabinoide. Wissenschaftlich ist das zu kurz gegriffen. Bei Delta-8 ist bekannt, dass kommerzielle Produkte häufig aus CBD umgewandelt werden und Qualitätsprobleme haben können. HHC ist nur in kleinsten Mengen in der Pflanze vorhanden. HHC Produkte werden unkontrolliert halbsynthetisch für inzwischen verbotenen Schwarzmarkt produziert und bringen durch Verunreinigungen und schwankende Dosen in Produkten große Risiken für die Gesundheit von Konsumenten mit sich. Solche Produkte sollte man deshalb nicht mit natürlichem Delta-9.THC oder standardisierten Arzneimitteln gleichsetzen (13,14).
Cannabinoide sind nicht dasselbe wie Terpene oder Flavonoide
Cannabinoide prägen vor allem die direkte pharmakologische Cannabiswirkung über ECS-bezogene Signalwege. Terpene sind vor allem für Geruch und einen Teil biologischer Nebeneffekte relevant, können allerdings auch die Wirkung der Canabinoide an Rezeptoren modulieren und damit verändern. Flavonoide gehören zu einer anderen Stoffklasse mit eigener Funktion in der Pflanze. Wer Cannabis verstehen will, sollte diese drei Gruppen zusammendenken, aber nicht durcheinanderwerfen (1,2).
Fazit
Cannabinoide sind der zentrale Wirkfaktor von Cannabis, aber ihre Wirkung lässt sich vermutlich nur im Zusammenspiel mit dem gesamten Pflanzenprofil wirklich verstehen. Besonders der Unterschied zwischen bekannten Stoffen wie THC und CBD sowie die Rolle weniger erforschter Minor-Cannabinoide zeigt, wie komplex dieses System tatsächlich ist.
Für dich bedeutet das: Ein differenzierter Blick auf Zusammensetzung, Dosierung und Anwendung ist entscheidend, statt sich auf einzelne Wirkstoffe zu reduzieren. Gleichzeitig macht die aktuelle Studienlage deutlich, dass es zwar gesicherte medizinische Einsatzgebiete gibt, viele Effekte aber noch nicht vollständig verstanden sind.
Wenn du Cannabis als Pflanze verstehen willst, ob aus medizinischem Interesse oder allgemeiner Neugier, lohnt es sich, Cannabinoide als Teil eines größeren biologischen Systems zu sehen.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können. Weder werden Heil- oder Wirkversprechen gegeben, noch soll die Nutzung ohne ärztlichen Rat angeregt werden. Nutzer sind verpflichtet, die in ihrer Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und eigenverantwortlich zu handeln.
Quellen
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