Zum Hauptinhalt springen
Cannamedical Strains entdecken

Myrcen: Das häufigste Terpen in Cannabis und seine Wirkung

Hopfen, Mango, Thymian, Zitronengras und Cannabis nebeneinander – alle fünf Pflanzen enthalten das Monoterpen β-Myrcen, das häufigste Terpen in Cannabis.

Wichtigste Erkenntnisse

10 Minuten Lesezeit
  • Myrcen ist in den meisten Cannabissorten das mengenmäßig häufigste Terpen – es macht in einzelnen Sorten über die Hälfte des gesamten Terpengehalts aus, liegt in absoluten Zahlen aber selten über 0,5 Prozent des Blütengewichts.
  • Das Aroma ist erdig-moschusartig mit würzigen Nelken- und fruchtigen Noten. In Cannabis kommt praktisch ausschließlich die Variante β-Myrcen vor.
  • Für entzündungshemmende, schmerzlindernde und beruhigende Effekte gibt es belastbare Labor- und Tierdaten – Studien am Menschen fehlen bislang fast vollständig.
  • Der „Couchlock” wird Myrcen zwar hartnäckig zugeschrieben, ist aber beim Menschen nicht belegt. Die bislang einzige Humanstudie zu reinem Myrcen ist eine Pilotstudie mit zehn Teilnehmern.
  • Der Mango-Trick vor dem Konsum zur Verstärkung des Highs ist theoretisch nachvollziehbar, aber klinisch unbelegt – und die meisten Mangosorten enthalten deutlich weniger Myrcen als oft behauptet.

Medizinisches Cannabis als Therapieoption

BehandlungsarztBehandlungsarzt

Arzttermine online kurzfristig verfügbar

Cannabis Rezept online anfragen

Teile diesen Artikel

Myrcen ist in den meisten Cannabissorten das mengenmäßig dominierende Terpen – und damit einer der Hauptgründe dafür, warum eine Blüte erdig-moschusartig riecht und nicht zitronig oder blumig. Terpene sind die flüchtigen Duftstoffe, die Pflanzen bilden, vergleichbar mit den ätherischen Ölen in Küchenkräutern; sie prägen das Aroma mit und stehen im Verdacht, auch die Wirkung von Cannabis zu beeinflussen.

Zwei Aussagen über Myrcen begegnen dir dabei immer wieder. Die erste: Myrcen trage maßgeblich zum sogenannten Couchlock bei – jener schweren, körperlich dämpfenden Müdigkeit, bei der man nach dem Konsum kaum noch vom Sofa aufstehen mag. Unter Verdacht stehen dabei auch andere Terpene wie Linalool, doch Myrcen wird am häufigsten genannt. Die Zweite: Wer 45 bis 90 Minuten vor dem Konsum eine Mango isst, verstärke damit die Wirkung, weil auch Mangos Myrcen enthalten.

Beide Annahmen sind nicht widerlegt – sie sind bislang aber auch kaum überprüft. Dieser Artikel ordnet ein, was zu Myrcen tatsächlich durch Studien gedeckt ist, wo die Belege ausschließlich aus Zell- und Tierversuchen stammen und wo eine verbreitete Annahme bis heute genau das bleibt: eine Annahme.

Was ist Myrcen?

Myrcen ist ein Monoterpen und der häufigste Duftstoff in vielen Cannabissorten. Es kommt in über 200 Pflanzenarten vor, darunter Hopfen, Zitronengras, Thymian, Lorbeer und (1). Der Name geht auf den brasilianischen Strauch Myrcia sphaerocarpa zurück, der in der traditionellen Medizin Südamerikas unter anderem bei Verdauungsbeschwerden verwendet wurde (1).

Chemische Struktur des Monoterpens Myrcen

Myrcen gehört zu den Monoterpenen – Verbindungen aus zwei sogenannten Isopreneinheiten, also aus zwei identischen chemischen Grundbausteinen, die wie zwei gleiche Legosteine zusammengesetzt sind (C₁₀H₁₆).

Von Myrcen existieren zwei Isomere – das sind Moleküle mit identischer Summenformel, bei denen die Atome aber unterschiedlich angeordnet sind. In Pflanzen kommt ausschließlich β-Myrcen vor (1); α-Myrcen wird synthetisch hergestellt und dient in der chemischen Forschung als Referenz- und Ausgangssubstanz. Wenn in Studien oder auf einem Analysezertifikat „Myrcen” oder „β-Myrcen” steht, ist damit derselbe Stoff gemeint.

Mango & Co.: Vorkommen von Myrcen in der Natur

Myrcen steckt in zahlreichen Pflanzen – am bekanntesten sind Hopfen, Zitronengras, Lorbeer, Thymian, Basilikum und Mango. Pflanzen bilden das Terpen als Teil ihrer Verteidigung: Der Duft schreckt Fressfeinde ab und lockt gleichzeitig Bestäuber an.

  • Hopfen ist die vielleicht interessanteste Verwandtschaft: Hopfen und Cannabis gehören derselben Pflanzenfamilie an (Cannabaceae). Im ätherischen Öl der Hopfendrüsen macht Myrcen 30 bis 50 Prozent aus und ist damit einer der wichtigsten Aromastoffe der Bierherstellung (2).
  • Zitronengras liefert Myrcen in Kombination mit zitrusartigen Aromen und wird in Südamerika traditionell als beruhigender Tee getrunken – ein Anwendungsgebiet, das die frühe Myrcen-Forschung überhaupt erst angestoßen hat (1).
  • Mango gilt gemeinhin als Myrcen-Bombe. Diese Annahme hält der Datenlage allerdings nur bedingt stand: In einer Analyse von 20 Mangosorten lag der Gesamtgehalt an flüchtigen Aromastoffen bei etwa 18 bis 123 Milligramm pro Kilogramm Frucht, und die dominierenden Terpene waren je nach Sorte δ-3-Caren, Limonen, Terpinolen oder α-Phellandren – nicht Myrcen (3). Es gibt einzelne Sorten, in denen β-Myrcen tatsächlich dominiert, doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel.
  • Auch die in Europa und Deutschland dominierende Mango-Sorte Kent – die oft als Referenzsorte für den europäischen Markt gilt – ist keine Myrcen-Bombe. Eine detaillierte Studie zum Aromaprofil der Kent-Mango zeigte, dass Monoterpene zwar 90,2 % der flüchtigen Stoffe ausmachen, β-Myrcen jedoch nur einen messbaren, aber untergeordneten Anteil daran hat (4). Mit 430,5 µg pro Kilogramm Trockenmasse in der Frischfrucht wird es vom Hauptakteur δ-3-Caren (21.824,5 µg/kg TM) um ein Vielfaches übertroffen (4).

Zwischenfazit: Myrcen ist weit verbreitet, aber die Konzentrationen unterscheiden sich um Größenordnungen. Eine Cannabisblüte enthält pro Gramm ein Vielfaches dessen, was in einem Gramm Mangofruchtfleisch steckt.

Aroma und Geschmack von Myrcen

Myrcen riecht erdig und feucht – am ehesten wie Waldboden nach einem Regenschauer. Dahinter liegen würzige Noten, die an Gewürznelken mit einer Spur Pfeffer erinnern, und im Ausklang eine dezent fruchtige Süße.

Im Geschmack wird Myrcen meist als erdig-moschusartig beschrieben, teils mit einem tropischen Unterton. Es ist das Aroma, das viele Menschen intuitiv mit „klassischem Cannabisgeruch” verbinden. Im Vergleich zu anderen Terpenen ist das Profil als Reinstoff unverkennbar: Limonen riecht zitrusartig, Linalool blumig nach Lavendel, Pinen harzig nach Nadelwald. Von diesen Einzeldüften lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres auf den Geruch einer ganzen Blüte schließen.

Eine sensorische Untersuchung von 2023 verglich die gemessenen Terpenprofile von Cannabisproben mit der Bewertung durch ein Prüferpanel. Ergebnis: Ausgerechnet Myrcen und Limonen zeigten kaum einen Zusammenhang mit dem tatsächlich wahrgenommenen Aroma (5). Die markanten Zitrus-, Tropen- und Schwefelnoten gehen demnach überwiegend auf Verbindungen zurück, die gar keine Terpene sind – flüchtige Schwefelverbindungen und Ester, die schon in winzigsten Mengen das Aroma von Cannabis mitbestimmen (5).

Für Myrcen bedeutet das: Es liefert den erdig-moschusartigen Grundton, den viele Menschen intuitiv mit Cannabis verbinden – der alleinige Taktgeber des Sortenaromas ist es aber nicht.

Myrcen in Cannabis

Myrcen ist in den meisten kommerziell erhältlichen Cannabissorten das häufigste Einzelterpen. In einer Auswertung von Analysedaten aus sechs US-Bundesstaaten gehörten Myrcen, β-Caryophyllen und Limonen zu den durchschnittlich am stärksten vertretenen Terpenen – wobei Myrcen in der Regel an der Spitze lag (6).

Wie viel Myrcen steckt tatsächlich in einer Sorte?

Der Gesamtterpengehalt von Cannabisblüten liegt im Durchschnitt bei etwa zwei Prozent des Gewichts, einzelne Terpene überschreiten dabei selten die Marke von 0,5 Prozent, die Mehrzahl der Messwerte liegt sogar unter 0,2 Prozent. Myrcen ist also relativ gesehen dominant, absolut betrachtet aber eine kleine Menge.

Diese Beobachtung ist für die Einordnung der Wirkung entscheidend. Die einzige bislang veröffentlichte Humanstudie zu reinem Myrcen arbeitete mit einer Kapsel von 15 Milligramm – dem Zehnfachen dessen, was in einer halben Gramm Blüte steckt (7). Und beim Inhalieren gelangt ohnehin nur ein Teil der Terpene tatsächlich in den Körper, weil z.B. beim Rauchen ein erheblicher Anteil verbrennt.

Wirkung auf das Cannabis High

Ob Myrcen die Wirkung von THC verstärkt, ist deutlich unsicherer, als es in vielen Ratgebern von Cannabisfirmen klingt.

Die gängigste Erklärung lautet, Myrcen erhöhe die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke – jener Filterschicht, die das Gehirn wie ein sehr strenger Türsteher vor Fremdstoffen schützt und lasse dadurch mehr THC schneller ins Gehirn gelangen. Wie sich Cannabis im Gehirn verteilt und wirkt, hängt tatsächlich maßgeblich davon ab, wie gut ein Wirkstoff diese Barriere passiert.

Nur gibt es für genau diese Behauptung gibt es keine belastbaren Daten: Ethan Russo, der die Entourage-Hypothese maßgeblich geprägt hat, wies bereits 2011 darauf hin, dass sich die in der Populärliteratur zitierten Belege für einen Myrcen-Effekt auf den Hirntransport bei genauerer Prüfung nicht finden lassen (8). Belegt ist bislang lediglich, dass Myrcen die Aufnahme von Substanzen durch die Haut verbessern kann – ein anderes Gewebe, ein anderer Mechanismus.

Welche Mechanismen sonst infrage kommen

Wenn nicht über die Blut-Hirn-Schranke – wie dann? Die Forschung diskutiert derzeit drei Wege, die alle besser belegt sind als die populäre Türsteher-Erklärung, aber ebenfalls noch nicht am Menschen bestätigt wurden.

  • Indirekt über den CB1-Rezeptor des Endocannabinoid Systems. Eine Untersuchung von 2025 an Mäusen mit Nervenschmerzen zeigte, dass die schmerzlindernde Wirkung von Myrcen vollständig verschwindet, wenn man den CB1-Rezeptor blockiert. Dies ist derselbe Rezeptor, an dem auch THC ansetzt. In Zellversuchen aktivierte Myrcen den Rezeptor allerdings nicht direkt (9)
  • Über andere Zielstrukturen. Belegt sind Effekte an TRPV1, einem Ionenkanal, der Schmerz- und Hitzereize weiterleitet und den man sich als Alarmmelder der Nervenzelle vorstellen kann.
  • Hinzu kommen Hinweise auf eine Beteiligung von Opioid- und Adenosin-Rezeptoren (10). Diese Systeme steuern Schmerz, Wachheit und Entspannung – also genau die Empfindungen, die möglicherweise von der Wirkung von Myrcen betroffen sein könnten.

Zwischenfazit: Die Blut-Hirn-Schranken-These ist die bekannteste, aber die am schlechtesten belegte Erklärung. Plausibler ist derzeit ein indirektes Zusammenspiel am CB1-Rezeptor und an weiteren Zielstrukturen. Belastbare Daten am Menschen fehlen für jede dieser Varianten.

Zusammenwirken mit Cannabinoiden (Entourage-Effekt)

Makroaufnahme eines reifen Cannabis-Trichoms: In diesen winzigen Harzdrüsen wird β-Myrcen gebildet, das dem erdig-moschusartigen Grundaroma der Cannabisblüte seinen Charakter verleiht.


Die Vorstellung, dass Terpene und Cannabinoide gemeinsam anders wirken als jeder Stoff für sich, ist als Entourage-Effekt bekannt. Jedoch ist die Forschungslage dazu noch widersprüchlich.

  • Zwei Laborstudien fanden keinerlei Hinweise darauf, dass Myrcen und andere Cannabis-Terpene direkt an die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 binden oder die Wirkung von THC an diesen Rezeptoren verändern (11).Andere Arbeiten kommen zu einem differenzierteren Bild: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2023 fand, dass ausgewählte Cannabis-Terpene in Zellmodellen die Aktivierung des CB1-Rezeptors durch THC verstärken können (12).

Beide Befunde lassen sich vereinbaren, wenn man zwischen Bindung und Wirkung unterscheidet: Myrcen dockt am CB1-Rezeptor möglicherweise nicht selbst an, er könnte aber indirekt Effekte darauf vermitteln. In welchem Ausmaß das bei den realistisch aufgenommenen Mengen im Menschen passiert, ist offen.

Welche gesundheitlichen Vorteile hat Myrcen und welche Symptome kann es lindern?

Zu Myrcen existieren vor allem präklinische Studien, also Untersuchungen an Zellkulturen und Tieren. Sie können Mechanismen aufzeigen, aber keine Wirksamkeit beim Menschen beweisen: Dosierungen sind meist um ein Vielfaches höher als realistische Aufnahmemengen, die Verstoffwechselung unterscheidet sich zwischen Arten, und Effekte auf Schmerz oder Schlaf werden im Tierversuch über Verhaltensbeobachtungen erfasst, nicht über das subjektive Erleben.

Die zusammenfassende Bewertung der Literatur lautet entsprechend: vielversprechende Tierdaten, kaum Humanstudien (1). Die folgende Tabelle gibt einen Überblick zur Aussagekraft und Evidenz:


WirkfeldBeste vorliegende EvidenzAussagekraft für den Menschen
Entzündungshemmungmenschliche Knorpelzellen im Labor, RattenmodellMechanismus plausibel, klinisch ungeprüft
SchmerzlinderungMaus- und Rattenmodellepräklinisch, keine Patientenstudien
Sedierung/SchlafMausmodelle, eine Pilotstudie (n=10)sehr begrenzt
MuskelentspannungMausmodellepräklinisch

Entzündungshemmend?

Für eine entzündungshemmende Wirkung von Myrcen gibt es die vergleichsweise solidesten Laborbelege (13). Im Tiermodell bestätigte sich das Bild: Bei Ratten mit chronischer Kniegelenkentzündung reduzierte lokal aufgetragenes Myrcen sowohl die Entzündungsreaktion als auch die Schmerzempfindlichkeit (14). Beides sind Ergebnisse aus kontrollierten Laborbedingungen – ob sich daraus eine Anwendung beim Menschen ableiten lässt, müssen klinische Studien erst zeigen.

Schmerzlindernd?

Schmerzlindernde Effekte von Myrcen wurden erstmals 1990 im Mausmodell beschrieben: Die Substanz verringerte die Schmerzreaktion auf Hitzereize (15). Die bereits erwähnte Arthritis-Studie an Ratten deutete zusätzlich auf eine Beteiligung von Cannabinoid-Rezeptoren hin (14).

Die bislang aufwendigste Arbeit zu diesem Wirkfeld stammt aus dem Jahr 2025: In einem Mausmodell für Nervenschmerzen linderte Myrcen die Überempfindlichkeit dosisabhängig, wobei weibliche Tiere bereits auf deutlich geringere Mengen ansprachen als männliche (9). Solche Geschlechtsunterschiede sind ein wichtiger Hinweis darauf, dass sich Ergebnisse aus älteren, ausschließlich an männlichen Tieren durchgeführten Studien nicht ohne Weiteres verallgemeinern lassen.

Schlaffördernd und sedierend

Für die beruhigende Wirkung stammt die Kernevidenz aus einer Arbeit von 2002: Bei Mäusen verlängerte Myrcen die Schlafdauer nach Gabe eines Barbiturats deutlich und senkte die Bewegungsaktivität (16). Entscheidend ist die Dosis: Die eingesetzten Mengen lagen weit über dem, was über Cannabiskonsum realistisch aufgenommen wird. Zudem prüfte die Studie Myrcen isoliert und nicht im Zusammenspiel mit THC.

Muskelentspannung

Muskelentspannende Effekte werden in denselben Tierversuchen beschrieben (16) und lassen sich am ehesten als Teilaspekt der sedierenden Wirkung verstehen: Eine Dämpfung über GABA-Signalwege senkt auch den Muskeltonus. Belastbare Untersuchungen am Menschen gibt es dazu nicht.

Myrcen und der Couchlock-Effekt: Was sagt die Evidenz?

Ein älteres Paar entspannt sich abends auf dem Sofa – Tierstudien deuten darauf hin, dass Myrcen über GABA-Signalwege sedierende und muskelentspannende Wirkungen entfalten kann, Humanstudien fehlen jedoch weitgehend.


Der Couchlock – jenes bleierne Gefühl, in dem man vom Sofa nicht mehr hochkommt – wird meist Myrcen zugeschrieben, teils auch anderer Terpene wie Linalool oder dem THC-Abbauprodukt CBN. Belegt ist keine dieser Zuordnungen. Die Myrcen-These geht im Wesentlichen auf eine Vermutung in Ethan Russos viel zitierter Übersichtsarbeit von 2011 zurück, in der er die sedierenden Tierdaten mit dem Phänomen in Verbindung brachte – ausdrücklich als Hypothese, nicht als Befund (8).

Die einzige Humanstudie, die Myrcen isoliert untersucht hat, ist eine doppelblinde Pilotstudie aus dem Jahr 2023: Zehn Personen erhielten in einem Cross-over-Design entweder eine Kapsel mit 15 mg reinem β-Myrcen oder ein Placebo und absolvierten anschließend einen Fahrsimulator-Test. In der Myrcen-Gruppe zeigten sich statistisch signifikante Einbußen bei der Geschwindigkeitskontrolle und mehr Fehler in einer Aufgabe zur geteilten Aufmerksamkeit (7).

Das ist ein möglicher erster Hinweis darauf, dass Myrcen auch beim Menschen dämpfend wirken kann – mehr aber nicht: zehn Teilnehmer sind eine sehr kleine Stichprobe.

Was gegen die einfache Myrcen-gleich-Couchlock-Gleichung spricht:

  • Die untersuchte Dosis war rund zehnmal höher als die Myrcenmenge in einer typischen Konsumeinheit.
  • Sedierung kann auch von THC selbst, vom Abbauprodukt CBN, anderen Cannabinoiden oder Terpenen und von der Gesamtdosis stark beeinflusst werden.
  • Erwartungshaltung spielt eine große Rolle: Wer eine Sorte mit dem Marketingclaim „Couchlock“ gekauft hat, erlebt sie auch eher so.

Fazit zum Couchlock:

Myrcen ist ein plausibler Mitspieler beim Effekt, aber die wissenschaftliche Evidenz dafür ist noch gering. Wer nach dem Konsum einer bestimmten Sorte regelmäßig stark ermüdet, sollte bei der Wahl einer anderen Sorte nicht nur auf einen geringeren Myrcengehalt fixiert sein, sondern vor allem auch Dosis, Alterung der Blüten (wegen CBN oder anderer Verfallsprodukte), THC-Gehalt und Tageszeit betrachten.

Mango vor dem Konsum: Mythos oder Wahrheit?

Die Empfehlung, 45 bis 90 Minuten vor dem Konsum eine Mango zu essen, um die Wirkung zu verstärken, ist klinisch nicht belegt. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar – Mangos enthalten Myrcen, und Myrcen soll die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen –, doch beide Bausteine der Kette sind schwach.

  • Erstens ist die Behauptung zur Blut-Hirn-Schranke selbst unbewiesen.
  • Zweitens ist der Myrcengehalt von Mangos deutlich niedriger als angenommen: Der gesamte Aromastoffanteil liegt bei 18 bis 123 mg pro Kilogramm Frucht, und in den meisten untersuchten Sorten dominieren andere Terpene (3). Eine ganze Mango liefert damit im günstigen Fall wenige Milligramm Terpene insgesamt – der Myrcenanteil daran bewegt sich häufig im Bruchteil-Milligramm-Bereich. Wie bereits erwähnt, ist auch die auf dem europäischen Markt dominierende Kent-Mango nicht reich an Myrcen, sondern wird von anderen Terpenen wie δ-3-Caren dominiert (4).
  • Drittens fehlt jede Humanstudie, die den Mango-Effekt direkt geprüft hätte. Hinzu kommt ein wichtiger Störfaktor (Confounding Factor): Eine Mango enthält bis zu 14 Gramm Zucker, der zu einer Dopamin-Ausschüttung führen kann. Dies könnte das subjektive Empfinden eines "intensiveren" Erlebnisses erklären, völlig unabhängig von den Terpenen.

Sicherheit: Was über Nebenwirkungen bekannt ist

Eine Wissenschaftlerin untersucht im Labor ein Fläschchen mit ätherischem Öl – die Wirksamkeit von Myrcen beim Menschen ist bislang kaum klinisch belegt; die vorliegende Evidenz stammt überwiegend aus Zellkulturen und Tierversuchen.


Myrcen ist als Aromastoff in Lebensmitteln zugelassen und gilt in den Mengen, die über die Ernährung aufgenommen werden, als unbedenklich. Diskutiert wurde die Substanz dennoch, weil in einer zweijährigen Tierstudie mit sehr hohen Dosen Nieren- und Lebertumoren auftraten (17). Diese Mengen entsprechen beim Menschen mehreren Gramm täglich über Jahre; Fachbehörden in Europa und den USA stufen die Befunde bei üblicher Aufnahme als nicht übertragbar ein.

Zu Wechselwirkungen mit Medikamenten liegen kaum Daten vor. Aus Tierstudien gibt es den theoretischen Hinweis, dass Myrcen Leberenzyme beeinflussen kann, die auch am Abbau vieler Arzneimittel beteiligt sind (17).

Wichtig:

Wer regelmäßig Medikamente einnimmt – insbesondere beruhigende Präparate –, sollte die Anwendung von Cannabis ärztlich abklären lassen.

Fazit

Myrcen ist das mengenmäßig häufigste Terpen in den meisten Cannabissorten und prägt das erdig-moschusartige Grundaroma der Pflanze maßgeblich. Zu seinen entzündungshemmenden, schmerzlindernden und beruhigenden Eigenschaften liegen konsistente Labor- und Tierdaten vor, die Mechanismen wie eine Verstärkung der GABA-Wirkung nahelegen – Studien am Menschen fehlen jedoch fast vollständig.

Die populärsten Aussagen zu Myrcen sind zugleich die am schwächsten belegten. Dass Myrcen die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger macht, ist nicht belegt; plausibler erscheinen derzeit indirekte Wege über den CB1-Rezeptor und weitere Zielstrukturen. Ob Myrcen zum Couchlock beiträgt, ist offen – dagegen spricht nichts, geprüft wurde es aber bislang kaum, und auch andere Stoffe wie THC, CBN und Linalool kommen als Mitverursacher infrage. Und dass eine Mango vor dem Konsum die Wirkung verstärkt, hat bis heute niemand untersucht – zumal selbst verbreitete Mangosorten wie die Kent-Mango viel weniger Myrcen enthalten als oft behauptet.

Rechtlicher Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Die Anwendung von Cannabisprodukten zu therapeutischen Zwecken sollte nur in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal erfolgen. Es wird keine Haftung für Schäden oder Nebenwirkungen übernommen, die durch unsachgemäßen Gebrauch entstehen können. Weder werden Heil- oder Wirkversprechen gegeben, noch soll die Nutzung ohne ärztlichen Rat angeregt werden. Nutzer sind verpflichtet, die in ihrer Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und eigenverantwortlich zu handeln.

FAQ

Hat Myrcen psychoaktive Eigenschaften?

Myrcen ist nicht psychotrop – es verändert das Bewusstsein nicht so, wie THC es tut. Tierversuche zeigen jedoch dämpfende Effekte auf das zentrale Nervensystem, und eine kleine Pilotstudie fand bei Menschen nach 15 mg reinem Myrcen messbare Einbußen in Aufmerksamkeitstests. In diesem Sinn kann Myrcen als psychoaktiv gelten, weil es auf Nervensystem und Psyche wirkt, ohne einen bewusstseinsverändernden Zustand hervorzurufen. Die Datenlage beim Menschen ist allerdings sehr dünn.

Was ist der Unterschied zwischen Myrcen und Linalool?

Beide sind Monoterpene, unterscheiden sich aber deutlich in Aroma und chemischem Aufbau. Myrcen riecht erdig, moschusartig und würzig und ist in Hopfen, Zitronengras und Cannabis dominant. Linalool riecht blumig-süß und ist der Leitduft von Lavendel. Chemisch ist Linalool ein Alkohol, Myrcen ein reiner Kohlenwasserstoff. Beiden werden beruhigende Eigenschaften zugeschrieben; für Linalool gibt es Hinweise auf angstlösende Effekte, für Myrcen stärker auf sedierende. In beiden Fällen stammt die Evidenz überwiegend aus Tierversuchen.

Bei welcher Temperatur verdampft Myrcen im Vaporizer?

Der Normalsiedepunkt von reinem β-Myrcen unter Atmosphärendruck liegt bei etwa 172 °C – die häufig zitierte Zahl von 167 °C stammt aus Vakuumdestillationen und ist für den Vaporizer-Betrieb nicht relevant. Entscheidend ist ohnehin nicht der Siedepunkt, sondern der Dampfdruck: Myrcen ist bereits bei Raumtemperatur merklich flüchtig und wird in der Pflanzenmatrix schon ab etwa 160 °C in nennenswerten Mengen freigesetzt. Bei 200 °C und mehr entweicht es so rasch, dass es aromatisch kaum noch zur Geltung kommt.

Stimmt es, dass Mango vor dem Cannabis-Konsum die Wirkung verstärkt?

Das ist denkbar, aber dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Die These beruht auf zwei ungesicherten Annahmen: dass Mangos besonders viel Myrcen enthalten und dass Myrcen die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger macht. Analysen zeigen, dass in den meisten Mangosorten (einschließlich der in Europa dominanten Sorte Kent) andere Terpene dominieren und der Gesamtgehalt an Aromastoffen gering ist. Für den Effekt auf die Blut-Hirn-Schranke fehlen belastbare Daten. Eine Humanstudie, die den Mango-Effekt direkt geprüft hätte, existiert nicht.

Kann Myrcen Wechselwirkungen mit Medikamenten haben?

Belastbare Daten dazu fehlen. Aus Tierversuchen gibt es Hinweise, dass Myrcen bestimmte Leberenzyme beeinflussen kann, die auch am Abbau zahlreicher Medikamente beteiligt sind – theoretisch könnten sich dadurch Wirkspiegel verändern. Zusätzlich ist denkbar, dass sich sedierende Effekte mit beruhigenden Medikamenten wie Benzodiazepinen oder bestimmten Schlafmitteln addieren. Beides ist beim Menschen nicht untersucht. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte die Anwendung von Cannabis grundsätzlich mit dem behandelnden Arzt oder der Apotheke besprechen.

Gibt es Nebenwirkungen bei hochdosiertem Myrcen?

In den Mengen, die über Lebensmittel oder Cannabis aufgenommen werden, sind keine relevanten Nebenwirkungen bekannt. In Tierstudien mit sehr hohen Dosen über zwei Jahre traten Nieren- und Leberschäden sowie Tumoren auf; Fachbehörden in Europa und den USA stufen diese Befunde bei üblichen Aufnahmemengen als nicht auf den Menschen übertragbar ein. Bei isolierten Terpenpräparaten in hoher Konzentration ist Vorsicht angebracht, da die Aufnahmemenge dort deutlich über der aus natürlichen Quellen liegen kann und Langzeitdaten fehlen.

Quellen

  1. Surendran, Shelini; Qassadi, Fatimah; Surendran, Geyan; Lilley, Dash; Heinrich, Michael (2021): Myrcene – What Are the Potential Health Benefits of This Flavouring and Aroma Agent? Frontiers in Nutrition 8, Artikel 699666.
  2. Wang, Guodong; Dixon, Richard A. (2009): Heterodimeric geranyl(geranyl)diphosphate synthase from hop (Humulus lupulus) and the evolution of monoterpene biosynthesis. Proceedings of the National Academy of Sciences 106(24), S. 9914–9919.
  3. Pino, Jorge A.; Mesa, Jorge; Muñoz, Yamilie; Martí, M. Pilar; Marbot, Rolando (2005): Volatile Components from Mango (Mangifera indica L.) Cultivars. Journal of Agricultural and Food Chemistry 53(6).
  4. Bonneau, Adeline; Boulanger, Renaud; Lebrun, Marc; Maraval, Isabelle; Gunata, Ziya (2016): Aroma compounds in fresh and dried mango fruit (Mangifera indica L. cv. Kent): impact of drying on volatile composition. International Journal of Food Science & Technology 51(3), S. 789–800.
  5. Oswald, Iain W. H.; Paryani, Twinkle R.; Sosa, Manuel E.; Ojeda, Marcos A.; Altenbernd, Mark R.; Grandy, Jonathan J. et al. (2023): Minor, Nonterpenoid Volatile Compounds Drive the Aroma Differences of Exotic Cannabis. ACS Omega 8(42), S. 39203–39216.
  6. Smith, Christiana J.; Vergara, Daniela; Keegan, Brian; Jikomes, Nick (2022): The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States. PLOS ONE 17(5), e0267498.
  7. Johnson, Mark B.; McKnight, Scott; Taylor, Eileen P.; Mechtler, Laszlo; Ralyea, Christopher C. (2023): The Effects of β-myrcene on Simulated Driving and Divided Attention: A Double-Blind, Placebo-Controlled, Crossover Pilot Study. Cannabis 6(1), S. 9–19.
  8. Russo, Ethan B. (2011): Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology 163(7), S. 1344–1364.
  9. Alayoubi, Myra; Rodrigues, Akeesha; Wu, Christine; Whitehouse, Ella; Nguyen, Jessica; Cooper, Ziva D.; O'Neill, Patrick R.; Cahill, Catherine M. (2025): Elucidating interplay between myrcene and cannabinoid receptor 1 receptors to produce antinociception in mouse models of neuropathic pain. PAIN 166(9), S. 2140–2151.
  10. Jansen, Chase; Shimoda, Lori M. N.; Kawakami, Jodi K.; Ang, Lars; Bacani, Alexander J.; Baker, John D. et al. (2019): Myrcene and terpene regulation of TRPV1. Channels 13(1), S. 344–366.
  11. Finlay, David B.; Sircombe, Kathleen J.; Nimick, Mhairi; Jones, Callum; Glass, Michelle (2020): Terpenoids From Cannabis Do Not Mediate an Entourage Effect by Acting at Cannabinoid Receptors. Frontiers in Pharmacology 11, Artikel 359.
  12. Raz, Noa; Eyal, Anna M.; Zeitouni, Dana Berman; Hen-Shoval, Danielle; Davidson, Elyad M.; Danieli, Aharon; Tauber, Mariana; Ben-Chaim, Yair (2023): Selected cannabis terpenes synergize with THC to produce increased CB1 receptor activation. Biochemical Pharmacology 212, Artikel 115548.
  13. Rufino, Ana Teresa; Ribeiro, Madalena; Sousa, Cátia; Judas, Fernando; Salgueiro, Lígia; Cavaleiro, Carlos; Mendes, Alexandrina Ferreira (2015): Evaluation of the anti-inflammatory, anti-catabolic and pro-anabolic effects of E-caryophyllene, myrcene and limonene in a cell model of osteoarthritis. European Journal of Pharmacology 750, S. 141–150.
  14. McDougall, Jason J.; McKenna, Meagan K. (2022): Anti-Inflammatory and Analgesic Properties of the Cannabis Terpene Myrcene in Rat Adjuvant Monoarthritis. International Journal of Molecular Sciences 23(14), Artikel 7891.
  15. Rao, Vietla S.; Menezes, Andrea M.; Viana, Glauce S. (1990): Effect of myrcene on nociception in mice. Journal of Pharmacy and Pharmacology 42(12), S. 877–878.
  16. do Vale, Tereza Gurgel; Furtado, Elisangela Couto; Santos, José Galberto; Viana, Glauce S. B. (2002): Central effects of citral, myrcene and limonene, constituents of essential oil chemotypes from Lippia alba (Mill.) N.E. Brown. Phytomedicine 9(8), S. 709–714.
  17. National Toxicology Program (2010): Toxicology and Carcinogenesis Studies of β-Myrcene (CAS No. 123-35-3) in F344/N Rats and B6C3F1 Mice (Gavage Studies). NTP Technical Report 557.

Schreibe den ersten Kommentar

Profilbild

Dr. Sebastián Marincolo ist ein international bekannter Publizist, Sachbuch-Autor, Bewusstseinsforscher und strategischer Berater für Kommunikation. Er studierte bei einigen der einflussreichsten Philosophen unserer Zeit und erforscht seit über 25 Jahren das Cannabis High als veränderten Bewusstseinszustand. Er ist Autor von fünf Sachbüchern und zahlreicher Essays über das bewusstseinsverändernde Potenzial von Cannabis und arbeitete für längere Zeit mit Harvard Assoc. Prof. für Psychiatrie Dr. Lester Grinspoon, einem der bekanntesten Cannabis-Experten der Welt, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Er ist Mitglied im europäischen wissenschaftlichen Beirat für das "Woman's Cannabis Project" von Dr. Suzanne Mulvehill und für CINTA – Cannabis Initiative für Transdisziplinäre Analysen von Prof. Dr. habil. Gundula Barsch.